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Nachdem Miki meinte, meine Story wär au was für's hoppblog-Forum, stell ich doch tatsächlich mal einen ersten Teil hier rein. Es geht weiter: der nächste Teil, diesmal etwas kürzer: Nachschub *gg*: für alle, die Mitfiebern *gg* kommt hier der nächste Teil: wenn ich heut schon mal so "früh" hier bin, gibt's halt auch schon früher den nächsten Teil, diesmal auch wieder etwas länger: weiter gehts:
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sjoe
gollum: "My preciiiiious"




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Registriert seit: 23.03.2006
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Erstellt am 27.03.2006 - 14:22

Und das gleich als meinen allerersten Beitrag *gg*.
Also: ich freu mich über Kommentare aller Art dazu!
Viel Spaß mit "Av hele sitt hjerte":
Das Telefon klingelte. Seufzend legte Emma die Sachen, die sie gerade in die Hand genommen hatte, beiseite.
„Emma Wegener, hallo?“
„Hi! Hier ist Tine! Was machst du gerade?“
„Bissle packen, bissle räumen. Nix richtiges. Warum?“
„Soll ich vorbeikommen und dir helfen?“
„Gerne!“
„Dann bis gleich!“
Wenig später klingelte Tine auch schon. Emmas Mutter öffnete:
„Ach, hallo Tine! Komm doch rein. Emma ist oben!“ Emma war tatsächlich in ihrem Zimmer. Sie lächelte, als sie Tine erblickte. Die beiden umarmten sich kurz.
„Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld! Ich weiss einfach nicht, was ich mitnehmen soll und was nicht. Und ausserdem dachte ich, ich könnte die Gelegenheit nutzen und mal alle Sachen durchsortieren. Am Anfang hat das ja noch Spaß gemacht, aber jetzt…“ Emma deutete leicht verzweifelt auf das Chaos, das tatsächlich in ihrem Zimmer herrschte.
„Haste schon was aussortiert?“
„Ja. Das hier,“ sie wies auf einen Stapel, „und hier den Kram auch.“
„Dann fangen wir damit an. Kommt das in den Müll?“
„Ja.“ Emma hatte den Teil der Sachen, die weg sollten, zur Mülltonne gebracht. Nun war schon etwas mehr Platz.
„So. Dann räumen wir jetzt erst mal alles wieder auf seinen Platz. Sagst du mir, was wohin kommt?“ Gesagt getan. Etwa 20 Minuten später ließ sich von dem vorherigen Durcheinander nichts mehr erahnen.
„Und nun? Willste noch packen oder wollen wir was anderes machen?“
„Eigentlich hab ich keine Lust mehr, aber ich fliege nun mal in zwei Tagen. Vielleicht sollte ich also so langsam mal packen!“
„Ja, stimmt, das ist ja schon übermorgen! Ich darf gar nicht dran denken!“ Emma umarmte sie spontan.
„Ach Süße. Es gibt doch Telefon und Internet. Ausserdem hast du doch fest versprochen, dass du mich mal in Norwegen besuchen kommst!“
„Ja, das mach ich auf jeden Fall. Ich weiss trotzdem nicht, wie ich es hier mindestens ein Jahr lang ohne dich aushalten soll.“
„Wieso mindestens? Für länger reicht meine Kohle auf gar keinen Fall. Du weißt doch, wie teuer das ist! Und geplant ist auch nur ein Jahr.“
„Ja, ich weiss. Aber wahrscheinlich suchst du dir dort einen Job, oder?“
„Hab ich schon vor, will ja schließlich noch bissle was vom Land sehen, nicht nur Oslo.“
„Siehste. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass du einen netten Norweger kennenlernst…“
„Ich geh da hin, um zu studieren, nicht um irgendwelche Typen aufzureißen, Tine.“ „Ja, ich weiss ja. Aber die Möglichkeit besteht immerhin, oder?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Du weißt ja, wie aufgeschlossen ich gegenüber fremden männlichen Wesen bin!“ sagte Emma ironisch.
„Ja, aber ein Jahr ist lang…“
„Können wir bitte das Thema wechseln? Das führt doch zu nichts!“
„Ja, hast ja Recht. Also, dann widmen wir uns dem Packen oder wie?“
„Wird wohl das Beste sein.“ seufzte Emma.
Zwei Tage später stand Emma mit ihren Eltern, ihrem Bruder sowie ihren Freundinnen Tine, Lisa und Annaleen vor dem Fluggastbereich des Frankfurter Flughafens.
Sie hatte noch 10 Minuten Zeit. Sie unterhielten sich noch kurz, dann umarmte Emma ihre Freundinnen der Reihe nach. Sogar ihr sonst so cooler, sechzehnjähriger Bruder Sören nahm sie in den Arm und hielt sie fest an sich gedrückt. So lang, dass sie Zeit hatte, zu überlegen, ob und wann er das je zuvor gemacht hatte. Ihr fiel keine Gelegenheit ein. Dann waren ihre Eltern dran. Irgendwie war der Abschied ja schon traurig, aber andererseits war sie so aufgeregt, dass das alles noch nicht so ganz an sie rankam. Erst als Tine ihr ein Geschenk mit den Worten: „Aber erst aufmachen, wenn du da bist!“ in die Hand drückte, musste sie schlucken.
„Emma, du musst los!“ ermahnte ihr Vater sie. Also gab sie ihre Unterlagen an der Check-in-Kontrolle ab. Sie drehte sich noch mal um und winkte.
Gardermoen. Der Flughafen von Oslo. Sie war in Norwegen! Der Flug war ganz nett gewesen, sie hatte eigentlich die ganze Zeit aus dem Fenster gesehen. Die Welt von Oben war schon echt ein lohnenswerter Anblick, hatte sie zum wiederholten Male festgestellt.
Jetzt hieß es auf den Koffer warten. Und dabei das Norwegisch, das um sie herum gesprochen wurde, genießen. Wie hatte Emma das vermisst! Klar, in den Uni-Kursen wurde auch norwegisch gesprochen, man las norwegische Bücher und verfasste die Hausaufgaben auf norwegisch, aber das war doch kein Vergleich! Hach, es war einfach gut, wieder hier zu sein. Und diesmal nicht nur für einen viel zu kurzen zweiwöchigen Urlaub, nein, sie hatte ein ganzes Jahr Zeit!
Vor der Zollkontrolle versuchte sie, ihr glückliches Lächeln etwas unter Kontrolle zu bekommen, nicht, dass die dachten, sie hätte was geraucht! Aber alles ging glatt, niemand behelligte sie. Sie kaufte sich ein Ticket und fuhr bis Kringsjå. Hier würde sie für ihr Jahr in Norwegen wohnen. Sie stieg aus und orientierte sich erst einmal.
Kringsjå war mehr als nur ein Studentenwohnheim, es war mehr ein eigener kleiner Stadtteil mit Wohnheimen und Supermarkt, auf einem Hügel gelegen. Mit dem Koffer war das nicht ganz so lustig, den Hügel hochzulatschen und Emma war ziemlich ausser Atem, als sie vor dem Hauptgebäude angekommen war. Sie war froh, dass sie am Vormittag geflogen war, es war nun früher Nachmittag und noch hell, aber es würde bald dunkel werden. Es war eben Anfang Januar.
Sie ging nach drinnen zur Rezeption und zog die in Skandinavien übliche Nummer, den kølapp. Es war nicht viel los, so dass sie nicht allzu lange warten musste. Sie nannte ihren Namen und ihr Anliegen, bekam einen Übersichtsplan über das Kringsjå studentby und drei Wohnungsschlüssel ausgehändigt. Sie konnte sich tatsächlich eine aussuchen? Wow! Den schweren Koffer konnte sie zum Glück bis 17 Uhr da lassen, bis dahin musste sie sowieso spätestens zurück sein, weil die Rezeption dann schloss.
Also nichts wie los! Wieder draußen orientierte sie sich mit Hilfe des Übersichtsplanes. O.k., Gebäude 8 und 10 waren offenbar die Hochhäuser, wie schön! Zum Glück hatten beide Aufzüge, aber bei 13 Stockwerken war das auch besser so.
Das erste Zimmer war ganz gruselig, alles total verdreckt, vorallem Küche und Bad, nein danke! Das zweite war schon besser, 8. Stock, ganz nette Aussicht, aber Emma wollte sich vor einer Entscheidung noch die dritte Möglichkeit ansehen. Und die war sogar im obersten Stockwerk. ‚S. Bjørnstad’ stand an der Wohnungstür. Emma schloss auf. Mal wieder ein langer dunkler Flur, aber das kannte sie ja schon. Oh, schöne Küche, sauber und freundlich dekoriert. Die Mitbewohnerin schien Stil zu haben! Das Bad war auch sauber und das Zimmer… naja, möbliert, aber leer. Wunderbar, hier würde sie einziehen! Sie klopfte an das Zimmer ihrer Mitbewohnerin. Das S. draußen bedeutete offenbar ‚Solveig’, jedenfalls hing ein Schild mit dem Namen an der Tür. Es kam keine Reaktion, Solveig war wohl nicht da.
Emma machte sich wieder auf dem Weg zur Rezeption, unterschrieb dort den Vertrag und nahm ihren Koffer mit.
In ihrem Domizil angekommen, untersuchte sie erst mal die Schränke. Leer und sauber. Also begann sie, ihren Koffer auszupacken. Klamotten in den Schrank, Schreibutensilien und Co. auf den Schreibtisch, Bücher (immerhin 3 Stück!) ins Regal. Dann fiel ihr das Geschenk von Tine wieder ein. Sie kramte es aus ihrem Rucksack hervor und packte es aus. Ein schönes Foto von Tine und ihr in einem Rahmen. Emma freute sich riesig und platzierte es gleich auf dem Schreibtisch. Als sie den Koffer leergeräumt hatte, war der Rucksack dran. Tja und dann war sie auch schon fertig. Sie sah sich um. O.k., es sah ein ganz klein wenig bewohnter aus, als zuvor, aber da musste sie noch einiges tun! Bilder, Pflanzen und Vorhänge kaufen. Sie würde wohl mal einen Ikea oder so etwas in der Art aufsuchen müssen.
Emma bemerkte, dass sie so langsam hungrig wurde. Auf dem Kringsjå-Übersichtsplan war ein Supermarkt eingezeichnet gewesen. Nix wie hin. Sie zog die Jacke über, bewaffnete sich mit einem Stoffbeutel und ging zur Tür. Sie fand den kleinen Spar auf Anhieb und versorgte sich erst mal mit dem Nötigsten. Ausserdem noch ein paar Fertiggerichte, sie wusste ja schließlich nicht, ob sie immer in der Mensa essen würde.
Emma räumte die Einkäufe in ein leeres Küchenregal und in den Kühlschrank. Solveig aß offenbar gern Joghurt, es standen zumindest ziemlich viele verschiedene Sorten im Kühlschrank. Dann aß machte sie sich einen Tee und aß genüsslich ihr Kanelbulla. Sie liebte diese Teile! Als sie es fast aufgegessen hatte, wurde die Wohnungstür aufgeschlossen und Solveig stürmte herein. Emma nahm zumindest stark an, dass sie es war. Als sie Emma erblickte, blieb sie abrupt stehen und ein verwunderter Gesichtsausdruck machte sich breit.
„Hei. Ich bin Emma. Deine neue Mitbewohnerin.“
„Oh, hei. Solveig. Tut mir leid, ich wusste nicht, dass heute wer kommt, sonst...“ sie brach ab und machte eine ausholende Handbewegung.
„Ach was, ist doch alles bestens!“ widersprach Emma, „Möchtest du auch einen Tee?“
„Oh ja, gern. Ist ganz schön kalt draußen!“
„Allerdings. Ich bin echt froh über meine warme Jacke!“
„Woher kommst du?“
„Aus Deutschland. Mainz, um genau zu sein.“
„Du kannst aber gut norwegisch!“
„Naja, ich studiere Nordistik und norwegisch ist meine Hauptsprache.“
„Wow! Ich hatte ja mal Deutsch in der Schule, aber viel ist nicht hängengeblieben…!“ sie grinste.
„So geht’s mir mit Französisch!“ Sie unterhielten sich über dies und das und Emma fand ihre Mitbewohnerin sehr sympathisch. Solveig schien es ähnlich zu gehen, denn sie fragte:
„Hast du heute noch was vor? Sonst könntest du mitkommen, wenn du magst. Ich treff mich nachher mit ein paar Freunden zum Skispringen gucken und danach wollten wir noch in eine Kneipe.“ Emma war zwar kein großer Fan vom Skispringen, aber so konnte sie gleich am ersten Abend ein paar Leute kennenlernen. Und wenn die alle so nett waren, wie Solveig, dann war das doch schon mal was!
„Oh, ja, gern.“
„Ich wollt so gegen halb sechs los, ist das o.k. für dich?“
Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn stiegen sie aus.
„Wir gucken heute bei Liv. Sonst sind wir immer bei Toril, weil der einen größeren Fernseher hat. Aber der ist Ski fahren.“ Solveig klingelte und wenig später standen sie in einem kleinen, aber gemütlichen Wohnzimmer.
„Hei Leute. Das ist Emma, meine neue Mitbewohnerin. Sie kommt aus Deutschland.“ „Hei Emma!“ sagten die Anwesenden im Chor. Emma musste sich ein Lachen verbeißen.
„Hi, I’m Gunnar.“
„Emma, aber du kannst gern norwegisch mit mir sprechen.“
„Oj, ja, dann mach ich das mal. Aber wieso kannst du norwegisch?“
„Ich studiere Nordistik und norwegisch ist meine Hauptsprache.“ wiederholte Emma das, was sie vorhin schon Solveig erklärt hatte. Des Weiteren waren außer Liv noch Marianne, Berit, Terja und Kristian da. Sie unterhielten sich noch ein wenig, bevor der Fernseher eingeschaltet wurde.
„Guckst du gern Skispringen?“ wollte Berit von ihr wissen. Puh, wie drückte sie sich jetzt am diplomatischsten vor einer Antwort?
„Ähm, naja, geht so.“
„Also nicht!“ mischte sich Gunnar ein.
„Erwischt! Ich hab keine Ahnung davon!“
„Na sowas, ich dachte, alle Mädels in Deutschland wären verrückt danach!“ meinte Kristian.
„Nee, ganz sicher nicht alle! In meinem Freundeskreis gibt es jedenfalls niemanden.“ „Na, dann müssen wir dir das eben erklären!“ fand Solveig.
Und so schaute Emma tatsächlich ihr erstes Skispringen. Durch die Erklärungen und Kommentare der anderen war es wirklich lustig. Sie wussten zu fast jedem Springer irgendwelche Geschichten, die ausführlichsten natürlich zu den Norwegern. Die wurden aber immer erst nach einem Sprung erzählt, denn während ein Norweger in der Luft war, herrschte gespannte Stille, die dann entweder in Jubel, Enttäuschung oder Ärger mündete. Emma fand das total amüsant. Über einen der Springer, einen Sigurd Pettersen, wusste Liv besonders viel zu erzählen.
„Du bist wohl ein riesen Fan von ihm?“ wollte Emma dann auch prompt wissen.
„Ach wo, der Kerl ist mein Cousin. Bjørn Einar finde ich viel interessanter!“
„Dein Cousin? Echt? Du bist mit so einem Verrückten, der sich da runter stürzt, verwandt?“
„Ja, irgendwie schon.“
„Abgefahren! Und welcher ist dieser Bjørn Einar? Oder hab ich den schon verpasst?“ „Nein, der springt heute nicht. Leider.“ Das Springen gewann ein Österreicher, der beste Norweger lag auf Platz 6, Livs Cousin Sigurd auf Rang 9.
Anschließend gingen sie noch in eine Kneipe um die Ecke. Es war lustig und Emma fühlte sich sehr wohl. Sogar mit Gunnar und Kristian riss sie einige Witze und das obwohl sie sonst männlichen Wesen gegenüber eher zurückhaltend war.
„Toller Abend!“ sagte sie, als sie später wieder mit Solveig in der Bahn saß, „Deine Freunde sind echt klasse!“
„Du kannst ja öfter mitkommen, wenn du magst!“
„Gern!“
Emmas nächste Tage waren ausgefüllt mit bürokratischem Kram: bei der Uni und der Polizei anmelden, eine ID-Nummer beantragen und natürlich die Orientierungswoche für ausländische Studierende. Ihre buddy-group bestand aus zwei Lettinnen, einem Franzosen und einer Japanerin, sowie ihrem norwegischen Betreuer Rune.
Sie war echt froh, dass das Semester erst später begann, denn so hatte sie noch etwas Zeit, sich zu orientieren. Abends fiel sie meist todmüde von dem ganzen hin und hergerenne ins Bett.
Am darauf folgenden Wochenende fragte Solveig sie, ob sie wieder Skispringen mitgucken wolle.
„Gern!“ Diesmal fand es wieder bei Toril statt, der tatsächlich einen recht großen Fernseher hatte.
„Na, dann wollen wir mal sehen, was du dir gemerkt hast!“ sagte Kristian grinsend und begann, Emma Fragen übers Skispringen zu stellen. Zu ihrer eigenen Überraschung konnte sie die meisten beantworten.
„Nicht schlecht! Und das nach einem Mal gucken! Wirst sehen, wir machen noch einen richtigen Fan aus dir!“ lobte Marianne sie.
„Und zwar einen echt norwegischen!“ stimmte Terja ihr zu. Emma rollte die Augen. Sie musste zwar zugeben, dass dieser Sport gar nicht so langweilig war, wie sie bisher gedacht hatte und mit den richtigen Leuten war es auch durchaus amüsant, aber ein Fan?
Sie durfte sich wieder einige Erklärungen anhören, denn diesmal fand ein Teamwettbewerb statt und der lief ganz anders, als das letzte Springen. Als sie die Schanze sah, dachte sie nur:
„Verrückt sind die, alle verrückt!“ Und das sollte toll sein? Doch als das Springen dann lief, ertappte sie sich selbst dabei, dass sie bei den Norwegern die Luft anhielt und mitfieberte.
Dann zeigte das Bild die Zuschauer und Emma konnte einige der Plakate lesen. Die waren auf deutsch und sowas von… oh man, wie die Leute bloß solches Zeug schreiben konnten, ohne rot zu werden?! Toril hatte ihre Reaktion gesehen und sagte:
„In Willingen ist es immer besonders schlimm!“
„Du kannst das lesen?“
„Ja, so einigermaßen, ich war ganz gut in Deutsch.“
„Oh man, das denen das nicht zu peinlich ist!“
„Es gibt Leute, denen ist einfach gar nix peinlich, schätze ich mal.“ meinte Marianne. „Offenbar gibt es die!“ stimmte Emma zu und schämte sich richtig, Deutsche zu sein. Der Wettkampf zog sich hin, da die Windbedingungen stark wechselten und immer wieder Pausen gemacht werden mussten. Als dann ein deutscher Springer stürzte und sich verletzte, war die Stimmung im Raum gedrückt.
Am Ende lagen die Norweger nur auf Rang 9.
„Boah, so schlecht waren wir schon lang nicht mehr! Neunter im Team!“ murrte Gunnar.
„Waren ja auch scheiss Bedingungen!“ wandte Berit ein.
Anschließend war wieder Kneipe angesagt und trotz des schlechten Ergebnisses war die Stimmung gut. Emma unterhielt sich vorallem mit Kristian und Liv und amüsierte sich im Stillen darüber, wie die beiden sich gegenseitig anschmachteten, aber sich offensichtlich nicht mehr trauten.
„Als ob DU so viel besser wärst!“ konnte sie Tine dazu fast live sagen hören.
Am nächsten Tag war wieder Skispringen angesagt. Solveig hatte gefragt, ob sie sich das noch mal antun wolle und da Emma nichts besseres zu tun hatte, kam sie mit. Toril lächelte erfreut, als er sie sah.
„Schön, dass du wieder mitgekommen bist!“ sagte er zu ihr, nachdem er Solveig kurz umarmt hatte. Emma wurde rot. Als Toril das sah, wurde sein Lächeln noch eine Spur breiter und er zwinkerte ihr zu, bevor er sich umdrehte und ins Wohnzimmer ging.
Emma zog langsam ihre Jacke aus und schaute sich im Flur um. Sie musste sich erst mal wieder beruhigen. Was sollte das? Sie sah sich die Bilder an, die an der Wand hingen. Vergrößerte Fotos, Landschaften. Selbst gemacht, aber schön. Wer auch immer sie gemacht hatte, hatte einen Blick dafür. Dummerweise war das die falsche Taktik gewesen, denn Toril kam zurück.
„Wo bleibst du denn? Ach, du guckst dir meine Fotos an.“
„DU hast die gemacht?“
„Ja, wieso nicht?“
„Die sind schön!“
„Danke. Und jetzt komm, das Springen fängt gleich an!“ damit legte er ihr den Arm um die Schultern und zog sie mit. Emma hätte seinen Arm am liebsten abgeschüttelt, traute sich aber nicht. Was zum Henker sollte das alles? Wollte der was von ihr? Oder war das hier so üblich?
Zum Glück bemerkte keiner etwas, nicht, dass die auf dumme Gedanken kamen. Aber die Blicke der anderen waren allein auf den Fernseher gerichtet. Sie setzten sich auf die letzten freien Plätze, die dummerweise nebeneinander lagen. Emma fühlte sich total unwohl und konnte sich kaum auf das Springen konzentrieren, dabei saß Toril einfach nur neben ihr und war ganz in den Wettbewerb vertieft.
In der Pause standen alle auf, es gab etwas zu essen und Getränke.
„Alles klar bei Dir?“ fragte Liv.
„Ja, wieso?“
„Weiss nicht, du wirkst irgendwie… angespannt? Fieberst du so sehr mit?“ Darüber musste Emma nun doch lachen.
„Öhm, naja, geht so.“ Nachdem sie dann einen Platz zwischen Marianne und Solveig ergattert hatte, konnte sie den zweiten Durchgang doch noch verfolgen. Nicht, dass es sich für die Norweger sonderlich gelohnt hätte. Roar Ljoekelsoj auf Rang 17 war der beste, Sigurd wurde 20. Aber der Rekordsprung von Janne Ahonen war allemal sehenswert gewesen.
„Du meine Güte, hoffentlich wird das diese Saison noch mal besser!“ Terja schüttelte betrübt den Kopf.
„Ach klar, nächste Woche ist Skifliegen, da sieht die Sache schon wieder anders aus, wirst sehen!“ sagte Gunnar.
„Skifliegen? Was ist das denn nun wieder?“
„Na ja, eigentlich das Gleiche. Nur größere Schanzen und weitere Sprünge, die dann eben Flüge heißen. Über 200 Meter.“ erklärte Kristian.
„Noch größere Schanzen? Über 200 Meter weit? Und was passiert, wenn da einer stürzt? Dieser Deutsche hat ja schon einen Kreuzbandriss und das war nicht so weit!“ Emma war fassungslos.
„Gefährlicher isses auf jeden Fall. Aber die Jungs wissen, was sie tun.“ meinte Solveig.
„Sigurd sagt immer, dass da dann nur diejenigen springen dürfen, die auch wirklich fit genug dazu sind. Und das das Gefühl noch geiler ist.“ Gefühl? Geiler? Die geilten sich da dran auf? Emma wollte nicht weiter darüber nachdenken. Zum Glück kam Toril mit einem Tablett aus der Küche.
„Was wird das denn?“ wollte Berit wissen.
„Och, ich hab noch ein paar angebrochene Flaschen da, ich dachte, wir sparen uns die Kneipe und leeren die hier.“ Jeder nahm sich ein Glas. Emma roch vorsichtig an ihrem. Hochprozentig.
„Skål!“ rief Toril und alle kippten das Zeug runter. Alle außer Emma. Sie hatte nur einen kleinen Schluck genommen und musste husten. Toril klopfte ihr auf den Rücken.
„Nanana! Am besten man trinkt das auf Ex, dann isses nicht so schlimm!“ riet er ihr. Sie warf ihm einen bösen Blick zu.
„Am besten, man trinkt das gar nicht!“ sagte sie, als sie wieder normal atmen konnte. „Was denn? Du kannst doch nicht ein Jahr hier bleiben und keinen Alk trinken!“ Gunnar war entsetzt.
„Warum nicht?“
„Wir sind in Norwegen. Das gehört einfach dazu!“ mischte sich nun auch Terja ein. „Allerdings!“ Kristian war der gleichen Meinung. Emma seufzte ergeben und kippte den Rest tatsächlich auf Ex runter. Und siehe da, sie musste nicht husten. Als es nach dem dritten Wodka immer noch nicht nach einem Ende aussah, wollte Emma nicht mehr.
„Wieso denn nicht?“ wollte Solveig wissen.
„Mensch, morgen geht das Semester los, das weißt du doch!“ „Sicher. Ein Grund mehr, um weiter zu machen!“
„Und du meinst, das ist vorteilhaft, als Ausländer am ersten Tag mit Kater zu erscheinen?“
„Ja, denn so fällst du garantiert nicht auf!“
„Du meinst…?“ Alle nickten bedeutungsvoll.
„Die spinnen, die Norweger!“
„Eyyy!“ kam der Protest im Chor.
Am nächsten Abend telefonierte Emma mit Tine. Sie berichtete von ihrem ersten Uni-Tag, der hauptsächlich mit Informationen vollgestopft gewesen war. Und davon, dass tatsächlich die meisten Norweger etwas zerknautscht aus der Wäsche geschaut hatten.
„Ich bin also überhaupt nicht weiter aufgefallen.“ sagte sie.
„Wie meinst du das?“ wollte Tine wissen.
„Naja, wir haben gestern nach dem Skispringen bei Toril noch Wodka getrunken.“ „Wodka? Du? Spreche ich auch wirklich mit Emma Wegener?“
„Haha, sehr witzig! Ja, Wodka. Aber das ist doch noch gar nichts im Vergleich zu… ach, shit!“ Eigentlich hatte sie Tine nicht davon erzählen wollen.
„Nichts im Vergleich zu was? EMMA?“ Diese schloss die Augen, atmete tief ein und zählte bis zehn. Dann sagte sie:
„Ich hab mit allen Brüderschaft getrunken. Auch mit den Jungs.“
„Du hast also drei mehr oder weniger wildfremde Jungs geküsst?“
„Mhm.“
„Das klingt, als ob das noch nicht alles war!“
„Naja, also…ich… Toril… ähm… also, das war irgendwie mehr als ein Brüderschafts-Kuß.“
„Ihr habt rumgeknutscht?“ Emma konnte sich Tines fassungsloses Gesicht haargenau vorstellen.
„Irgendwie schon. Ich hatte schon den ganzen Abend das Gefühl, dass er mich anbaggert. Und als…“
„Und du hast ihn einfach machen lassen? Die Emma, die ich kenne, hätte ihm eine runtergehauen!“
„Also erstens hatte ich schon ziemlich viel Wodka getrunken…“
„Und zweitens?“
„Nix zweitens!“
„Emmaaaa!“
„Naja, er küsst verdammt gut!“ das kam schon fast geflüstert.
„Ich fass es nicht! Du bist gerade mal eine Woche da und schon hast du einen Typen an der Angel! Emma, Emma.“
„Ich hab ihn nicht an der Angel. Das war, weil…“
„Komm schon, du merkst doch selbst, dass du Schwachsinn redest. Der will was von dir. Du hast doch selber gesagt, dass er dich angebaggert hat!“
„Ja, schon. Aber…“
„Und was ist mit dir?“
„Mit mir?“
„Willst du was von ihm?“
„Von Toril? Ich, … ich weiss nicht, ich…“
„Was ist mit mir?“ fragte da eine männliche Stimme von der Tür her. Emma wirbelte herum. Toril stand im Türrahmen und grinste breit.
„Toril!“ rief sie entsetzt. Oh, shit, wie lange stand der denn schon da? Sie starrte ihn fassungslos an.
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sjoe
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Erstellt am 28.03.2006 - 13:24

„Emma? Hallo, Emma? Bist du noch da?“ fragte Tine am anderen Ende.
„Jaja, ich…“
„Warum hast du gerade so laut seinen Namen gerufen? Ist der etwa da?“
„Mhm.“
„Oh.“
„Ja, genau. Und deshalb werde ich jetzt auflegen. Ich meld mich bald wieder, ja?“
„O.k. Und tu nichts, was Emma Wegener in Deutschland nicht auch tun würde, ja?“ Sie streckte ihr die Zunge raus, ohne daran zu denken, dass Tine das ja gar nicht sehen konnte, und legte auf.
„Also, wegen mir hättest du jetzt nicht Schluss machen müssen!“ sagte Toril, der immer noch lässig am Türrahmen lehnte.
„Damit du mich noch länger belauschen kannst oder wie?“ fauchte Emma ihn an.
„Ich hab nicht gelauscht! Solveig hat mich reingelassen und gerade als ich klopfen wollte, hast du meinen Namen genannt. Und da dachte ich, das wär auch ein guter Einstieg, um mich anzumelden.“
„Soso!“ Emma hoffte, dass er die Wahrheit sagte. Sie wusste ja schließlich nicht, wie gut sein Deutsch war…
„Was machst du überhaupt hier?“
„Dich besuchen. Oder ist das verboten?“
„Nnein.“
„Darf ich dann reinkommen?“
„Ja, klar.“ Er kam also in ihr Zimmer, aber anstatt sich umzuschauen, wie Emma es erwartet hatte, kam er auf sie zu. Sie versteifte sich, als er sie in den Arm nahm. Toril ließ sie sofort wieder los und fragte:
„Was ist?“
„Ich bin sowas nicht gewohnt.“
„Definiere ‚sowas’!“
„Von dir in den Arm genommen werden zum Beispiel?“ sie wurde rot.
„Naja, wir kennen uns ja auch noch nicht so lange!“ er grinste wieder. Zum Glück ersparte er Emma, darauf antworten zu müssen, denn jetzt sah er sich ihr Zimmer an.
„Soll das so bleiben?“ Er spielte offenbar auf die spärliche Deko an.
„Ja, klar!“ sie rollte die Augen. „Natürlich nicht! Aber ich bin gerade mal etwas mehr als eine Woche hier und war noch nicht bei Ikea oder sonst wo.“
„Das war doch gar nicht böse gemeint. Es soll nur Leute geben, die es puristisch lieben…“
„Nun, ich gehöre normalerweise nicht dazu.“
„Dann sollten wir mal zu Ikea und Co. fahren. Heute ist es schon zu spät. Wann ist deine letzte Veranstaltung morgen?“ Zu überrumpelt, um zu protestieren, holte Emma ihren Timer heraus und sah nach.
„Um vier.“
„Fein, bei mir auch. Treffen wir uns am Haupteingang?“
„Ja, aber…?“
„Aber? Wenn das so nicht dein Stil ist, willst du das noch länger haben?“
„Nein. Aber…?“
„’Aber’ ist dein Lieblingswort, hm? Mit wem hast du überhaupt telefoniert?“
„Mit Tine. Meine beste Freundin.“
„Oh. Vermisst du sie?“
„Ja, sicher.“
„Wie sieht sie aus?“ Emma nahm das Foto, welches Tine ihr zum Abschied geschenkt hatte und zeigte es ihm. Er pfiff anerkennend durch die Zähne.
„Das ist ein hübsches Bild von dir!“ Sie wurde rot.
„Lass mich raten: du bist es auch nicht gewohnt, dass ich dir Komplimente mache?“
„Sehr witzig.“
„Finde ich gar nicht. Und Tine sieht auch sympathisch aus.“
„Ist sie ja auch!“
„Das denk ich mir. Sonst wär sie wohl nicht deine Freundin.“ Wie meinte er das nun wieder? Der Kerl machte sie ganz kirre.
„Oh man, ich bin unhöflich!“ stellte sie dann fest:
„Du darfst dich natürlich gern setzen. Möchtest du was trinken? Oder essen?“ Sie hatte nämlich gerade gemerkt, dass sie so langsam mal etwas zu Abend essen könnte.
„Was trinken wäre gut.“
„Ich hab aber keinen Wodka!“ Er lachte.
„Kein Problem. Ich hab sicher noch Reserven von gestern!“
„Gut. Dann Wasser oder Saft oder gemischt? Außerdem würd ich was zu Abend essen, magst du auch?“
„Gemischt. Und: was gibt’s denn?“
„Brot mit Käse oder Wurst, Salat, saure Gurken, Pudding… ich glaub, das war alles, was ich da hab.“
„Saure Gurken und Pudding? Du bist doch nicht etwa schwanger?“
„Wüsste nicht, wovon!“ Als sie realisierte, was sie gerade gesagt hatte, wurde sie zum wiederholten Male an diesem Abend rot. Das Grinsen wurde wieder breiter, als Toril sagte:
„Naja, vom Küssen allein wird man jedenfalls nicht schwanger.“ Emma wäre am liebsten im Boden versunken. Sie hatte bis eben noch gehofft, dass er betrunken genug gewesen war, um sich nicht mehr daran zu erinnern. War wohl nichts. Da ihr darauf nichts einfiel, ging sie in die Küche, um den Tisch zu decken.
„Isst du jetzt eigentlich was mit, oder nicht?“
„Wenn ich schon so nett gefragt werde? Ja.“ Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Hey! Im Gegensatz zu Tine vorhin, hab ich das gesehen!“ Sie beschloss, ihn erst Mal zu ignorieren und räumte ihre Sachen aus dem Kühlschrank. Solveig kam in die Küche.
„Abendessen? Fein. Wollt ich auch grad, da brauch ich ja nicht allein essen.“ Emma war froh über ihre Gesellschaft, vielleicht war Toril in ihrer Gegenwart nicht ganz so… verwirrend?
Doch sie hatte sich zu früh gefreut, denn das erste, was Solveig fragte, während sie sich ein Brot schmierte, war:
„Na, und, jetzt macht ihr da weiter, wo ihr gestern Abend aufgehört habt, oder wie?“ Emma, die bereits kaute, verschluckte sich vor lauter Schreck und Toril durfte ihr mal wieder auf den Rücken klopfen. Aus dem Augenwinkel sah sie dennoch, wie er grinste und mit den Achseln zuckte. Solveig warf einen Blick auf Emma, deren Farbe nicht nur wegen den Brotkrümeln in der Luftröhre mal wieder einer Tomate glich.
„Also, falls ihr dazu Wodka braucht, ich hab noch welchen da!“ Emma warf ihr einen vernichtenden Blick zu, aber sie grinste nur unbeeindruckt.
„Toril ist wirklich ein ganz netter. Keine wechselnden Beziehungen, um genauer zu sein, schon länger gar keine Beziehung mehr und…“
„Stop!“ schallte es ihr zweistimmig entgegen. Emma und Toril sahen sich an. Na, wenigstens darin waren sie sich einig! Dann sagte Emma:
„Ich will das alles gar nicht wissen!“, während Toril sagte:
„Du kannst doch nicht einfach so über mich reden, als wäre ich gar nicht da!“ Solveig lachte nur:
„Ich seh schon, das wird noch lustig!“ Da alle Drei anschließend mit ihren Broten beschäftigt waren, herrschte erst mal Ruhe. Solveig war als erste fertig, räumte ihre Sachen weg, spülte kurz und nahm sich noch ein Joghurt aus dem Kühlschrank.
„Na, dann viel Spaß noch, ihr beiden!“ sagte sie mit einem anzüglichen Grinsen, bevor sie in Richtung ihres Zimmers verschwand. Emma hätte ihr am liebsten irgendetwas hintergergeschmissen, aber das hätte auch nichts gebracht. Stattdessen murmelte sie auf deutsch:
„Blöde Kuh!“
„Was?“ wollte Toril wissen.
„Nichts, nichts!“
„Klang jedenfalls nicht sehr freundlich.“
„War auch nicht freundlich gemeint!“
„Sie will dich doch nur aufziehen, weil du schüchtern bist.“
„Ist das ein Verbrechen? Du ziehst mich ja auch dauernd damit auf…“
„Nein, das ist kein Verbrechen. Das ist süß!“
„Toril!“
„Was?“
„Ich find das nicht witzig, verdammt!“
„Ich auch nicht. Ganz und gar nicht!“ Darauf wusste Emma mal wieder nichts zu sagen, sondern widmete sich intensiv ihrem Brot.
„Möchtest du noch was?“ fragte sie nach einer Weile. Und als ihr auffiel, wie schön verfänglich sie sich schon wieder ausgedrückt hatte, schob sie
„Ein Brot oder so?“ hinterher.
„Nein, danke. Die beiden, die ich hatte waren gut. Es sei denn, du hättest tatsächlich noch Pudding da.“
„Hab ich. Sogar zwei Stück. Vanille.“
„Hmmmm!“ Emma stand auf, ging zum Kühlschrank und holte die Desserts heraus. Sie löffelten genüsslich und schweigend. Dann räumte Emma den Tisch ab und begann zu spülen. Toril schnappte sich ein Handtuch und trocknete ab.
„Das brauchst du nicht machen, ich lass es meist einfach so trocknen.“
„Erstens gibt das Wasserflecken und zweitens kann ich das doch machen, wenn ich schon hier bin.“ Anschließend saßen sie noch in Emmas Zimmer und unterhielten sich recht gut. Und das ganz ohne Anspielungen aller Art. Als Toril sich dann später von ihr verabschiedete, war sie auf seine Umarmung gefasst und es war nicht ganz so heftig wie zu Beginn.
„Na also. Ich sag dir, du gewöhnst dich noch dran!“ kommentierte er das lächelnd. Sie hätte ihm am liebsten den Hals rumgedreht.
Solveig und Emma frühstückten zusammen. Da erstere keine weiteren dummen Kommentare oder Fragen Toril betreffend von sich gab, beschloss Emma, nicht mehr böse zu sein.
„Brauchst du noch was von Ikea?“ fragte sie deshalb.
„Du fährst zu Ikea? Hm, lass mich mal überlegen… Vielleicht sollten wir noch ein Geschirr-Set kaufen. Wenn wir mal Besuch von mehreren Leuten bekommen, reicht das nicht. Und da Du die anderen jetzt auch kennst, kann es durchaus sein, dass wir mal nen Abend hier machen.“
„Gute Idee.“ Schließlich waren 4 Teller, 6 Tassen und Gläser nicht wirklich der Hit. „Außerdem könntest du mir noch 2 Kissen mitbringen. Diese ganz einfachen in blau. Und zwei 40-Watt-Sparbirnen. Und…“ sie unterbrach sich.
„Nee, das reicht, du musst das ja alles in der Bahn rumschleppen.“
„Nö nö, Toril fährt mich.“
„Du gehst mit Toril?“ Emma hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen! Sie war aber auch zu blöd! Jetzt hatte Solveig kein Wort mehr darüber verloren und sie musste wieder davon anfangen.
„Er hat es mir angeboten. Und da ich ein paar Poster, Pflanzen und Gardinen will, wäre ich schön blöd, das auszuschlagen, oder?“
„Ja schon. Du musst ihn aber wirklich mächtig beeindrucken, er ist sonst nicht gerade der Einkaufstyp.“ Emma wurde rot.
„Ich mach doch gar nichts!“
„Ich weiss. Trotzdem. Und was ist mit dir?“
„Was soll mit mir sein?“ Die Situation erinnerte sie verdammt an das gestrige Telefongespräch mit Tine. Fehlte eigentlich nur noch, dass Toril auftauchte. Und tatsächlich, bevor sie irgendetwas dazu sagen konnte, nicht dass sie gewusst hätte, was, klopfte es an der Wohnungstür.
„Wer ist das denn?“ fragte Solveig verwundert und ging zur Tür. Emma schloss die Augen. Aber es war eindeutig eine weibliche Person, mit der Solveig sprach.
„Insa von Nebenan wollte Shampoo leihen.“ kam die Erklärung auch wenig später. Und nach einem Blick auf die Uhr:
„Oh shit! Komm, wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir die Bahn!“
Als sie am Haupteingang auf Toril wartete, fiel Emma ein, dass sie gar nicht wusste, was Solveig noch von Ikea hatte haben wollen, bevor sie dachte, dass Emma das in der Bahn hätte mitschleppen müssen. Wenn der heutige Einkauf nicht allzu teuer wurde, wäre das nächste, was sie sich zulegen würde, ein Handy mit norwegischem Vertrag. Plötzlich schlangen sich zwei Arme von hinten um sie und eine Stimme neben ihrem Ohr fragte:
„Wartest du schon lange?“ Emma wirbelte herum, mit dem Effekt, dass sie nun direkt vor Toril stand. Er war ein Stück größer, so dass sich ihre Nase etwa auf der Höhe seines Kinns befand. Da er immer noch die Arme um sie gelegt hatte, konnte sie dies auch nicht ändern. Er sah sie lächelnd an.
„Lass mich los, Toril! Bitte!“ Sofort gab er sie frei. Als sie sich wieder etwas im Griff hatte, sagte sie:
„Danke. Und nein, ich hab noch nicht lange gewartet. Sondern mir überlegt, dass ich ein norwegisches Handy brauche.“
„Dachtest du, ich komme nicht?“
„Quatsch. Ich wollte Solveig fragen, was sie noch von Ikea wollte.“
„Nichts leichter als das!“ er zückte sein Mobiltelefon, drückte ein paar Tasten und übergab es an Emma.
„Hei Toril!“
„Nein, hier ist Emma.“
„Oh, hei Emma. Was gibt es?“
„Dir war heute morgen doch noch was eingefallen, was du von Ikea wolltest. Als du dachtest, dass ich mit der Bahn fahre.“ Emma warf einen Blick auf Toril, der sich ein paar Meter entfernt hatte und jetzt mit Händen in den Hosentaschen vergraben in die Ferne schaute.
„Ich erinnere mich. Aber was war das, puh? Keine Ahnung, fällt mir grad nicht ein. Ich nehme an, ich kann dich in den nächsten 2 Stunden auch noch auf diesem Handy erreichen, falls ich mich doch erinnere, oder?“ Emma konnte sich ihr fettes Grinsen mehr als vorstellen.
„Vermutlich.“
„Dann meld ich mich. Viel Spaß!“ Sie legte auf, ging zu Toril und gab ihm das Telefon zurück.
„Und?“ wollte er wissen.
„Sie erinnert sich im Moment nicht. Meldet sich aber, wenn es ihr einfallen sollte.“
„Na dann. Auf in den Kampf!“ Er fuhr einen alten blauen Volvo-Kombi.
„Das alte Auto meiner Eltern. Ganz praktisch, vorallem für Großeinkäufe!“ sagte er grinsend. Zielsicher steuerte er durch den Feierabendverkehr und nach einer Weile waren sie bei dem Laden angekommen.
Da Emma keine Möbel brauchte, sparten sie sich die Ausstellung und gingen gleich in die Markthalle. Dort lud sie zunächst ein komplettes Service ein, dazu vier Gläser und Besteck. Außerdem fand sie noch einen schönen Kerzenständer. Die Kissen für Solveig landeten im Wagen, eine Lampe für’s Fenster, die Sparbirnen. Durchsichtige Vorhänge mit Blumenmuster, schließlich konnte ihr im 13. Stock sowieso keiner ins Fenster gucken. Eine Gardinenstange.
Längere Zeit brauchten sie bei den Postern. Emma würde schließlich ein Jahr damit leben müssen, also sollte das gut ausgewählt sein. Toril, der vorher recht schweigsam gewesen war, taute auf. Er schleppte sie zu verschiedenen Drucken und machte Vorschläge, was wo hinpassen würde. Schließlich hatte sie alles zusammen, was sie wollte. Toril nahm zwei leere Rahmen mit. Sie kaufte noch einen großen Benjamini, sowie zwei Pflanzen fürs Fensterbrett.
„Ich glaub, jetzt hab ich alles.“
„Und ich glaub, ich brauch jetzt dringend einen Hotdog und einen Kaffee! Du auch?“ „Gute Idee!“ Sie aßen genüsslich ihre Hotdogs, als jemand überrascht
„Hei Toril!“ sagte. Der angesprochene drehte sich herum.
„Hei, Henning. Lange nicht gesehen!“
„Allerdings. Und dann gerade hier!“ Er warf einen Blick auf Emma und den Einkaufswagen.
„Neue Wohnung?“
Toril grinste.
„Nein, nein, das sind Emmas Sachen. Sie studiert für ein Jahr in Norwegen und wollte es sich etwas gemütlicher machen.“
„Soso! Hei Emma. I’m Henning. Toril and me have been schoolmates a long time ago.“
“So alt seht ihr noch gar nicht aus!” sagte Emma grinsend auf norwegisch. Henning sah sie überrascht an.
„Oj! Du sprichst norwegisch?“
„Scheint so.“
„Na, auf den Mund gefallen ist deine Freundin ja nicht gerade!“ bemerkte Henning mit hochgezogenen Augenbrauen. Toril grinste breit:
„Ich glaube, sie mag es nicht, unterschätzt zu werden. Sonst ist sie eigentlich ganz friedlich.“ Emma schlug nach ihm!
„Hei, ich bin anwesend. Könntet ihr bitte, wenn schon, mit mir reden und nicht über mich?“
„Friedlich, hm?“ meinte Henning dazu und zwinkerte. Und dann:
„Aber ich muss los. Wir sollten mal wieder was zusammen machen, oder?“
„Ja gern. Hab ich deine aktuelle Handy-Nr.?“ Toril zückte sein Mobiltelefon. Henning warf einen Blick darauf, dann schüttelte er den Kopf. Toril übergab es ihm und Henning tippte seine Nummer ein. Dann verabschiedete er sich kurz und ging.
Tatsächlich passte alles wunderbar in den Volvo.
„Ich liebe dieses Auto!“ meinte Toril. Emma kicherte. Typisch Mann!
„Was ist? Magst du es etwa nicht?“
„Doch, doch, es ist ganz toll.“
„Du warst auch schon mal überzeugender!“
„Pfff!“ sie sah aus dem Fenster.
„Haben Solveig oder du eigentlich eine Bohrmaschine?“ fragte Toril, als sie nach Kringsjå abbogen.
„Also, ich hab keine. Ob Solveig eine hat, weiss ich nicht. Wieso?“
„Wie willst du denn die ganzen Sachen an der Wand befestigen? Mit Kleber?“
„Scheisse!“ Emma schlug sich die Hand vor den Mund. Daran hatte sie gar nicht gedacht, sie war so beschäftigt damit gewesen, überhaupt Sachen zu bekommen.
„Nur keine Panik! Ich hab mir so etwas schon gedacht und eine Bohrmaschine an Bord!“
„Du bist ein Schatz!“
„Ach ja?“ Emma wurde rot.
„In dem Fall schon, ja.“ sagte sie trotzdem. Toril grinste nur.
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Erstellt am 29.03.2006 - 14:17

Etwa eine Stunde später hatten sie alle Bilder sowie die Stange mit den Gardinen aufgehängt. Die Pflanzen standen da, wo sie hinsollten und die neue Lampe auf dem Fensterbrett brannte.
„Wow, das ist doch gleich viel besser!“ freute sich Toril und ließ sich aufs Bett fallen. Emma konnte dem nur zustimmen.
„Aber vielleicht hätte ich doch noch das Bild mit dem Steg kaufen sollen, die Wand über dem Schreibtisch ist noch etwas leer.“ sagte sie dann nachdenklich.
„Ach, da findet sich schon noch was. Zur Not nutzt du den Teil einfach als Pinnwand!“
„Stimmt, das ist auch ne gute Idee.“
„Ich hab nur gute Ideen!“
„Eingebildet bist du gar nicht, oder?“
„Darf ich dich daran erinnern, wie du mich wegen der Bohrmaschine genannt hast!“
„Nein, darfst du nicht!“ Emmas Gesicht verfärbte sich schon wieder leicht. Toril lachte. Dann klopfte er neben sich aufs Bett:
„Komm her!“ Sie setzte sich auf den Rand. Er zog an ihrem Arm bis sie neben ihm lag.
„Was wird das denn?“
„Nach was sieht es denn aus?“
„Ich will’s lieber gar nicht wissen!“
„Och Emma! Ich fress dich schon nicht! Ich dachte lediglich, du könntest auch eine Pause vertragen.“ Sie schaute ihn von schräg unten an.
„Obwohl ich mir das glatt anders überlegen könnte, wenn du so süß guckst!“ Emma sprang auf.
„Ich brauch was zu trinken!“ Damit verschwand sie in Richtung Küche. Toril seufzte. Verdammt, hätte er doch bloß die Klappe gehalten!
Solveig saß in der Küche und aß den obligatorischen Joghurt.
„Und, alles fertig?“
„Ja. Magst du gucken?“
„Gern!“
„Geh ruhig, ich komm gleich nach!“ Sie musste sich erst mal wieder sortieren. Kaum hatte sie sich etwas an Toril gewöhnt, kam der wieder mit irgendeinem Spruch, der sie sowas von verlegen und durcheinander machte… Furchtbar!
Aber ewig konnte sie auch nicht in der Küche bleiben. Als sie wieder in ihr Zimmer kam, saß Solveig neben Toril auf dem Bett. Beide lehnten mit dem Oberkörper an der Wand.
„Sieht echt gemütlich aus!“ sagte Solveig anerkennend zu ihr.
„Danke!“ Emma setzte sich neben Solveig und sie unterhielten sich noch eine ganze Weile.
Am nächsten Tag traf Emma Liv in der Uni. Sie tranken zusammen einen Kaffe und Liv fragte, ob Emma nicht noch mit zu ihr kommen wolle. Emma stimmte zu. Sie hatten einen sehr netten Abend. Mit Liv konnte man sich super unterhalten, sie erinnerte sie manchmal an Tine. Und was ein unbestreitbarer Vorteil war: Liv wusste nichts von Toril!
Als Emma nach Hause kam, holte Solveig sich gerade etwas zu trinken.
„Hei. Na, schönen Tag gehabt?“
„Ja, sehr. Und du?“
„Och, ging so. Und was hast du so gemacht?“
„Ich war nach der Uni noch bei..“
„Lass mich raten: Toril?“ Solveig grinste.
„Nein, leider daneben. Ich war bei Liv.“
„Oh. O.k.“
Später saß Emma an ihrem Schreibtisch und übertrug ein paar Notizen des Tages in eine leserlichere Schrift, als das Telefon klingelte.
„Hei. Hier ist Emma.“ sagte sie auf norwegisch.
„Und hier ist Tine!“
„Oh, hallo!“ sie freute sich.
„Naja, du hattest zwar gesagt, dass du dich wieder meldest, aber da nix kam, dachte ich, ich ruf mal an.“
„Sorry, ich war viel unterwegs die letzten zwei Tage.“
„Mit Toril?“ Emma verdrehte die Augen. Was alle Welt bloß mit diesem Kerl hatte?
„Auch. Er war mit mir bei Ikea. Und hat mir meinen Kram hier aufgehängt. Zufrieden?“
„Weiss nicht. Was war denn noch an dem Abend, wo er in unser Gespräch reingeplatzt ist? Hat er viel gehört?“
„Er behauptet, dass er nur seinen Namen gehört habe, sonst nichts. Wollte angeblich grade klopfen, dachte dann aber, wenn ich schon von ihm rede, kann er sich auch so melden.“
„Und du glaubst ihm nicht?“
„Weiss nicht. Deutsch lesen kann er jedenfalls. Keine Ahnung, wie es mit verstehen aussieht. Und wie lange er schon da stand.“
„Hat er was angedeutet?“
„Was?“ Der Kerl war eigentlich eine lebende Andeutung, aber das wusste Tine ja nicht.
„Na, das er sonst was gehört hat.“
„Nee.“
„Na also. Willste drüber reden?“
„Über was?“
„Über Toril?“
„Nein! Wieso sollte ich? Er ist ein Kumpel, nichts weiter.“
„Ach? Beim letzten Mal warst du dir noch nicht so sicher, was er nun ist.“
„Beim letzten Mal sind wir bei genau dieser Frage von ihm unterbrochen worden, so dass ich gar nichts dazu gesagt habe!“
„Kann auch sein. Und du bist dir sicher?“
„Boah, Tine! Wer hat beim einpacken gejammert, dass er Angst hat, dass ich mir einen Norweger angle und deshalb nicht wieder zurück komme? DU! Und jetzt willst du mir partout einen aufschwätzen?“
„Nein, will ich nicht. Ich will nur wissen, was Sache ist!“
„Weißt du ja jetzt. Können wir das Thema wechseln?“
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Erstellt am 30.03.2006 - 16:43

Am Samstag war Skifliegen in Österreich angesagt. Emma hatte kurz überlegt, ob sie es wegen Toril sausen lassen sollte, aber sich dann gesagt, dass das viel zu viel Ehre für den blöden Kerl sei. Außerdem wollte sie die anderen gern wieder sehen!
Also fuhren Solveig und sie mit der Bahn zu Toril. Er öffnete und umarmte beide erfreut. Emma schaffte es sogar fast, sich nicht zu verkrampfen. Dafür bekam sie ein anerkennendes Lächeln von ihm. Daraufhin wäre sie am liebsten direkt wieder umgedreht. Aber nun war sie schon einmal hier und würde den Nachmittag genießen, Toril hin oder her.
Diesmal gab es auch prompt etwas zu feiern, denn Roar Ljoekelsoj wurde zweiter, ganz knapp von einem Österreicher geschlagen. Sigurd wurde achter, es folgten weitere Norweger auf den Plätzen 10, 15 und 16. Livs Liebling Bjørn Einar Romøren, der auch endlich wieder dabei war, wurde 22.
„Das müssen wir unbedingt feiern!“ sagte Gunnar.
„Ja, aber jetzt ist es noch ein wenig früh für Alk!“ meinte Berit. Es war kurz vor halb Fünf.
„Wir können ja erst noch was zusammen kochen!“ schlug Terja vor.
„Gute Idee!“ sagte Toril, „Aber dann müssen wir erst noch was einkaufen, für so viele Leute reicht mein Kram nicht.“
„Dann gehen wir auch gleich noch im Vinmonopolet vorbei und kaufen Alk, oder hast du genug da?“ wollte Kristian wissen.
„Vermutlich nicht!“
Emma verdrehte die Augen. Das klang verdammt nach kollektivem Besäufnis! Vielleicht sollte sie besser nach Hause fahren!
Solveig schien ihre Überlegungen zu ahnen und sagte:
„Emma, kommst du mit einkaufen?“
„Wenn es sein muss.“
„Oh ja, das muss es!“ Solveig warf Toril einen Blick zu.
„Geh schon mal die Jacke anziehen, ich geh noch mal kurz aufs Klo!“ sagte sie dann zu Emma.
Als Emma ihre Jacke nahm, kam Toril in den Flur.
„Du kannst ruhig hier bleiben, brauchst keine Angst zu haben. Du trinkst nur so viel, wie du magst. Und ich verspreche, das ich nichts mache, was du nicht auch willst!“ sagte er leise.
Na toll, das klang eher nach einer Drohung, als sonst was! Schließlich hatte sie ihn das letzte Mal, als Alkohol im Spiel war, zurückgeküsst. Sie sah ihn nicht an und hoffte, das Solveig endlich kam.
„Emma!“ sagte er bittend.
„Was denn?“
„Ist das so o.k. für dich, oder willst du immer noch nach Hause?“
Konnte der jetzt auch noch Gedanken lesen oder was? Und wo bitte blieb Solveig?
Toril machte einen Schritt auf sie zu. Nun blieb ihr nicht viel übrig, als ihn anzusehen. Er blickte sie fragend an.
„Ich werde es schon überleben, denk ich!“
„Du sollst es aber nicht nur überleben. Ich will, dass du dich wohl fühlst!“
„Das ist alles nicht so einfach, Toril.“
„Ja, ich weiss. Aber versuchst du es wenigstens?“
„Ja, o.k.“
Endlich tauchte Solveig auf.
„Was wollen wir eigentlich kochen?“ fragte sie.
„Wie wäre es mit Nudeln und Soße. Das ist nicht schwer, geht schnell und schmeckt.“ schlug Toril vor.
„Gute Idee.“ Kristian und Gunnar kamen ebenfalls in den Flur.
„Wir gehen zum Vinmonopolet.“
„O.k., dann bis gleich!“
„Was ist denn mit dir los?“ wollte Solveig auf dem Weg wissen.
„Ich steh halt nicht auf kollektive Besäufnisse, ganz einfach!“
„Du brauchst dich ja nicht zu besaufen.“
„Ach nein? Und wie war das letztes Mal? ‚Emma, du kannst doch nicht jetzt schon aufhören?’ und so weiter?“
„Ja, o.k., das war nicht fair. Ich werde sehen, dass es diesmal anders läuft. Ausserdem brauchst du ja nicht noch mal Brüderschaft mit allen trinken, ich schätze, das beseitigt eins deiner Probleme, oder?“
„Das bleibt abzuwarten!“
„Wieso? Hat Toril dir gesagt, dass er dich wieder küssen wird?“
„Nein!“
„Aber?“
„Ach, was weiss ich!“ das klang gereizt.
„Ist ja schon gut. Wir gehen jetzt Nudeln und Co. kaufen!“
Der Abend wurde für Emma doch noch recht lustig. Niemand drängte sie dazu, mehr Alkohol zu trinken, als sie wollte. Vermutlich hatte Toril deswegen mit den anderen geredet. Kristian erzählte umständlich eine Geschichte, die er letzten Sommer erlebt hatte. Da er schon einiges getrunken hatte, verwickelte er sich immer mal wieder mehr oder weniger in Widersprüche, was ihm nicht auffiel, den anderen aber schon.
Es gab viel zu lachen. Und Toril ließ sie in Ruhe. Liv dagegen hatte offenbar beschlossen, gegenüber Kristian etwas deutlicher zu werden. Jedenfalls saß sie irgendwann im Laufe des Abends auf seinem Schoß. Gunnar baggerte ein wenig bei Terja und als sie nicht darauf reagierte, versuchte er es bei Marianne. Emma saß eigentlich nur da und beobachtete alles. Aber sie fühlte sich überhaupt nicht unwohl und das war wirklich mehr, als sie erwartet hatte.
Dummerweise waren die anderen irgendwann nicht mehr in der Lage, Torils Wohnung zu verlassen. Und Emma war zum einen alles andere als wild darauf, ganz allein mit der Bahn nach Hause zu fahren und zum anderen konnte sie sich denken, dass Toril das nie zulassen würde. Na ganz toll! Im Wohnzimmer gab es zwei Sofas, eines davon konnte man bestimmt ausziehen. Das wäre Platz für zwei Leute, einer auf der anderen Couch, das machte drei. Blieben noch sechs übrig!
Schließlich schliefen Berit, Terja und Marianne auf dem Schlafsofa und Liv mit Kristian auf dem anderen. Solveig schlief auf einer Luftmatratze in Torils Zimmer und Emma landete in Torils Bett. Allein, denn Gunnar und Toril schliefen auf Decken im Wohnzimmer.
Als Emma am nächsten Morgen aufwachte, wusste sie zunächst gar nicht, wo sie sich befand. Dann fiel ihr alles wieder ein.
Sie sprang förmlich aus dem Bett. Sie wollte keine Minute länger darin verbringen als unbedingt nötig. Außerdem musste sie aufs Klo. Sie zog Jeans und Pulli über, dann ging sie ins Bad. Die anderen schienen noch zu schlafen, jedenfalls war alles ruhig.
Sie wusch sich das Gesicht, nachdem sie einen Stapel Handtücher gefunden und beschlossen hatte, dass sie ruhig eines davon nehmen konnte. Hatte der Kerl auch sowas wie eine Bürste? Nein, aber immerhin einen Kamm. War sowieso alles verdammt ordentlich für einen Mann. Aber das konnte ihr ja egal sein.
Nun fühlte sie sich wieder halbwegs unter den Lebenden und ging in die Küche, um nach etwas Essbarem zu fahnden. Dummerweise hatte sie nicht allein diese Idee gehabt.
Toril, nur mit einer eng anliegenden Boxershorts bekleidet, stand vor dem Kühlschrank und holte Sachen daraus hervor. Emma musst blinzeln, das sah verdammt… ja, er sah verdammt sexy aus! Sie wollte gerade wieder gehen, als er sie bemerkte.
„Oh, guten Morgen! Gut geschlafen?“
„Besser als du, schätze ich mal!“ sagte sie und wies auf die Aspirin, die gerade in einem Glas Wasser vor sich hinsprudelte.
„Schlafen war kein Problem, das Aufstehen dagegen schon.“ gab er zu.
„Tja, selbst Schuld!“
„Ja, das bin ich wohl.“ Er zuckte mit den Achseln.
„Hunger?“ fragte er dann.
„Schon.“
„Du kannst das Brot aus dem Backofen holen, der Rest ist in Arbeit.“ Er deutete auf die blubbernde Kaffeemaschine und stellte den Wasserkocher an. Dann räumte er die restlichen Sachen vom Kühlschrank auf den Küchentisch.
„Besteck ist in der Schublade ganz links.“ erklärte er, während er das Geschirr hinstellte.
Nachdem sie Messer und Löffel hingelegt hatte, setzte sie sich an den Tisch und begann, Brotscheiben abzuschneiden.
Toril trank in der Zwischenzeit sein Aspirin, dann setzte er sich zu ihr.
„War das o.k. für dich, gestern?“
„Ja.“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich.“
„Gut.“ Sie schmierte Butter auf ihr Brot, dann Marmelade. Irgendwie fühlte sie sich dabei verdammt beobachtet.
„Willst du nichts essen?“
„Nicht bevor die Aspirin wirkt. So lange verhalte ich mich einfach ganz ruhig und unauffällig.“
„Du meinst, es ist unauffällig, wenn du mich die ganze Zeit anschaust?“ Diese Spitze konnte sie sich einfach nicht verkneifen.
„Oh. Ist es nicht?“
„Nein.“
„Hm.“ Er hörte trotzdem nicht auf. Irgendwann sah sie ihn leicht genervt an.
„Machts wenigstens Spaß?“
„Und wie!“
„Oh man, Toril! Ich würd gern einfach in Ruhe frühstücken.“
„Aber ich sag doch gar nichts.“
„Willst du, dass ich rumbrülle?“ Er zog den Kopf ein.
„Nein, bitte nicht. Außerdem würdest du damit die anderen aufwecken.“
„Das wär mir in dem Fall ziemlich egal!“ zischte sie.
„Oha!“ sagte er nur, stand dann auf und verließ mit unsicheren Schritten die Küche. Das war nun nicht unbedingt Emmas Absicht gewesen, schließlich war das seine Küche. Andererseits war es echt erholsam, nicht von seinen ziemlich blauen Augen beobachtet zu werden.
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Erstellt am 31.03.2006 - 13:20

Wenig später tauchte Toril auch schon wieder auf, diesmal nicht mehr halbnackt, was ebenfalls eine Erleichterung war. Er hielt etwas hinter seinem Rücken versteck.
„Eigentlich wollte ich es dir erst später geben, aber…“ Er hielt Emma ein in Geschenkpapier verpacktes Etwas hin.
„Für mich?“ fragte sie überrascht.
„Ja.“
„Aber, aber…?“
„Ich sag ja, ‚aber’ ist echt dein Lieblingswort. Jetzt guck doch erst mal, was es ist, bevor du dich beschwerst!“
Sie konnte schlecht leugnen, dass sie neugierig war, also begann sie, das Geschenk auszupacken. Es war ein großartiges Landschaftsfoto in einem Rahmen. Einem der Rahmen, die er bei Ikea gekauft hatte.
„Und?“
„Du bist verrückt!“
„Kann schon sein. Gefällt’s dir?“
„Es ist wunderschön!“
„Ist auf den Lofoten entstanden, vorletztes Jahr.“
„Oh, da würd ich auch gern mal hin.“
„Solltest du auch. Ist einfach der Wahnsinn!“
„Danke, Toril!“
„Sehr gern. Allerdings…“ er machte eine bedeutungsschwere Pause. Emma sah ihn mit gemischten Gefühlen an. Was kam jetzt?
„Allerdings bedeutet das, dass ich schon wieder mit meiner Bohrmaschine bei dir auftauchen muss.“ Sie lachte erleichtert.
„Na, wenn das alles ist…“
„Du meinst ich sollte mir noch was anderes überlegen?“ er grinste mal wieder sein breitestes Grinsen.
„Nein!“
Dann stand sie auf, ging zu Toril und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Hinterher war sie überrascht über sich selbst, aber da war es bereits zu spät. Sie wurde knallrot und setzte sich schnell wieder hin. Wenn er jetzt irgendwas Blödes sagen sollte, würde sie ihm wirklich den Hals rumdrehen. Aber er verlor kein Wort darüber, sondern goss sich einen Kaffee ein.
Gegen Mittag fuhren Solveig und Emma nach Hause, um zu duschen und frische Klamotten anzuziehen. Am Nachmittag war wieder Skispringen angesagt. Emma überlegte ernsthaft, ob sie diesmal in ihrem Zimmer bleiben sollte, genug zum nachdenken hatte sie ja eigentlich. Andererseits, sollte sie wirklich einen ganzen Sonntag Nachmittag mit Grübeleien verbringen, wenn sie stattdessen ihre Freunde treffen konnte? Nein. Außerdem würde Solveig sicher versuchen, sie zu überreden.
Als sie wieder bei Toril ankamen, war die Anzahl der Leute deutlich geschrumpft.
„Gunnars Großvater hat Geburtstag, Terja bekommt Besuch von einer Freundin und Berit ging es nicht so besonders.“ erklärte Liv auf Solveigs Nachfrage. Sie saß mit Kristian händchenhaltend auf der Couch und machte einen verdammt glücklichen Eindruck.
Marianne kam mit einem T-Shirt von Toril über der Jeans aus dem Bad. Für sie hätte sich der Heimweg nicht gelohnt, denn sie wohnte außerhalb Oslos.
„Boah, jetzt geht’s mir besser!“ sagte sie, „Manchmal unglaublich, was eine Dusche so bewirken kann!“
Sie sahen einen guten Wettkampf bei schönstem Sonnenschein und fairen Bedingungen. Leider wurde Roar als bester Norweger nur 8., dafür folgten auf den Plätzen 11 bis 15 vier weitere Norweger. Bjørn Einar wurde 25.
Da auch in Oslo schönes Wetter war, beschlossen sie, noch einen Spaziergang zu machen. Solveig unterhielt sich mit Marianne, Emma mit Liv. Kristian hatte eine Hand mit Livs verschränkt und lief schweigend nebenher, ließ sie dann aber los, als Toril ihn in ein Gespräch verwickelte. Liv verlangsamte das Tempo und sie fielen ein wenig zurück.
„Alles klar bei dir?“ fragte sie Emma dann.
„Ja, warum?“
„Wegen Toril. Nervt er dich?“
„Nerven? Manchmal.“ Sie dachte an das Frühstück.
„Meistens verwirrt er mich eher. Macht mich unsicher.“
„Magst du ihn?“
„Schon. Er ist ein netter Kerl. Aber eben nur ein Freund. Glaube ich jedenfalls. Er dagegen…“ sie ließ den Satz unvollendet.
„Ja, ich weiss, das ist nicht zu übersehen.“
„Oh man!“
„Dir müssen seine Gefühle doch nicht peinlich sein, Emma. Du magst vielleicht der Auslöser sein, aber dennoch kannst du nichts dafür.“ So hatte sie die Sache noch nicht betrachtet.
„Und lass dich bloß nicht unter Druck setzen. Entweder, du verliebst dich doch noch in ihn, oder eben nicht. Und wenn nicht, dann war er nicht der Richtige. Das entscheidest allein du!“
„Ist Kristian der Richtige?“
„Oh ja, das ist er. Das wusste ich schon nach unserem ersten Gespräch. Hat halt etwas länger gedauert. Aber das macht ja nichts.“
„Wie lange kennt ihr euch denn schon?“
„So etwa anderthalb Jahre.“
„Das ist lang, wenn du es wirklich schon so bald wusstest.“
„Naja, ich schon. Aber wie es bei ihm aussah wusste ich ziemlich lange nicht. Bis vor einer Woche oder so. Torils Tour ist weder seine noch meine.“
„Meine auch nicht! Und was ist mit Bjørn Einar? Ich dachte, du stehst auf den?“
„Naja, süß ist er schon. Und eigentlich auch ganz nett. Aber…“
„Moment mal, du kennst den?“ unterbrach Emma sie.
„Ja, sicher. Er ist doch Sigurds Teamkollege. Ich hab ihn schon ein paar Mal getroffen und wir haben uns ganz gut verstanden. Aber ehrlich gesagt, will ich keinen Freund, der das Winterhalbjahr lang durch die ganze Welt gondelt. Das wär nichts für mich!“
„Für mich auch nicht!“
„Siehste. Nein, nein, da ist mir mein kleiner Bankangestellter schon 1000 Mal lieber. Ausserdem brauch ich den nicht dauernd geben irgendwelche Kreischies verteidigen!“
„Noch ein Pluspunkt! Nee, sowas stell ich mir ja auch grausam vor, wenn alle Welt deinen Freund kennt und den dann auch noch ‚süß’ findet. Boah!“
„Wen findest du süß?“ fragte Toril breit grinsend wie eh und je. Kristian und er waren stehen geblieben, um auf Emma und Liv zu warten.
„Das geht dich gar nichts an!“ sagte Emma schnippisch. Liv zwinkerte ihr zu.
„Nicht?“
„Nein.“
„Oooch, schade.“
„Tja, damit musst du leben!“
„Und wenn ich das nicht kann?“
„Dann musst du wohl dran sterben!“
„Und du wärst soo gemein und würdest dir das ansehen?“
„Na klar!“
„Boah!“ er sah sie gespielt entsetzt an, „Das hat mich jetzt echt getroffen!“
„Wo denn?“
„Na hier!“ er deutete auf die Stelle, wo er sein Herz vermutete.
„Was da?“ sie tippte dagegen.
„Ja, genau da!“
„Einen komischen Magen hast du!“ sie lachte.
„Magen? Tz! Und auslachen tust du mich auch? Na warte!“
„Soll ich jetzt Angst haben oder was?“
„Und wie!“ Sie lachte lauter, sah aber dass Liv und Kristian ihnen ein ganzes Stück voraus waren. Von denen wäre also sicher keine Hilfe zu erwarten. Nun gut, dann musste sie eben allein mit ihm fertig werden.
Doch zunächst geschah gar nichts, sie gingen einfach schweigend weiter. Irgendwann wurde es ihr zu blöd: „Und?“
„Was und?“
„Na hör mal, ich warte, ich zittere und es kommt nichts!“
„Du legst es gerade aber wirklich drauf an, Emma!“
Jetzt wo er es sagte, kam sie sich selbst auch komisch vor. Seit wann konnte sie so mit ihm umgehen? Beinahe flirten? Vielleicht lag es daran, dass Liv ihr gesagt hatte, dass sie einfach sehen sollte, was passierte? Abwarten, ob sie sich in ihn verliebte oder eben nicht. Weil es ihre Wahl war?
Sie kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Toril hatte sie gepackt und begann, sie zu kitzeln. Sie quietschte und versuchte, zu entkommen. Keine Chance, er war einfach zu kräftig. Nun gut, dann eben anders. Sie kitzelte ihn zurück, aber das brachte auch nichts. Außer dass sie feststellte, dass sein Oberkörper nicht nur ziemlich durchtrainiert aussah, sondern sich auch so anfühlte. Erst als Emma vor lauter Lachen beinahe erstickte, hielt er ein. Sie atmete erleichtert mehrere Male tief ein und aus.
„Bist du jetzt brav?“ fragte er, mit leicht drohendem Unterton in der Stimme. Sie nickte nur, obwohl sie am liebsten widersprochen hätte. Aber sie konnte echt nicht mehr. So wehrte sie sich auch nicht weiter, als er den Arm um sie legte und mit sich zog. Toril grinste zufrieden vor sich hin, während sie versuchte, ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Irgendwann fragte sie: „Würdest du mich jetzt wieder loslassen?“
„Nö, warum sollte ich?“
„Weil ich dich darum bitte?“ Er ließ sofort den Arm sinken.
„Danke.“
„Wars so schrecklich?“
„Toril!“
„Was?“
„Wars so schrecklich?“ sie äffte ihn nach.
„Und? Das war eine ganz normale und dazu noch berechtigte Frage.“ Emma seufzte.
„Nein, es war nicht schrecklich. Trotzdem.“
„Und warum dann?“
Sie seufzte wieder:„Muss ich dir das jetzt wirklich haarklein erklären?“
„Ja.“
„Warum war mir klar, dass du das jetzt sagst?“
„Weil du schlau bist?“
„Offenbar nicht schlau genug, um solche Situationen zu vermeiden.“
„Also?“
„Warum ich das nicht will? Weil ich nicht in dich verliebt bin, wir nicht zusammen sind und ich das nicht einfach so haben mag. Punkt.“ Jetzt seufzte er.
„O.k.“ Sie warf ihm einen Blick zu, er sah traurig aus.
„Tut mir leid.“
„Schon gut. Ist ja nicht dein Problem.“
„Naja, irgendwie schon, oder?“
„Auch wieder wahr. Und jetzt?“
„Wie und jetzt?“
„Na, willst du mich nie wieder sehen oder so?“
„Quatsch! Du bist doch mein Freund! Nur eben nicht so.“
„Puh!“ sagte er erleichtert.
„Was ‚puh’?“
„Ich glaub, ich könnte es nicht aushalten, dich nicht mehr zu sehen.“
“So schlimm?”
„Mhm.“
„Oh, Toril! Du kennst mich doch kaum!“
„Ein bisschen. Und dennoch… oder besser erst recht…“ Sie schüttelte den Kopf. Wie sollte sie damit nur umgehen? Sie hatte gedacht, er sei einfach ein wenig in sie verknallt. Mehr war nach den 2 Wochen, die sie erst hier war eigentlich auch nicht drin.
Aber Toril sah das offenbar ganz anders. „Ich versteh es ja auch nicht.“ sagte er, „Aber es ist so. Trotzdem: Ich werde versuchen, mich zu bessern.“
„Was meinst du damit?“
„Naja, versuchen, mehr Abstand zwischen uns zu bekommen.“
„Wie auch immer du dir das vorstellst, ich will nicht, dass sich was ändert. Ich … ich mag unsere Freundschaft, ich mag dich.“
„Es ist o.k. so??“ er war wirklich überrascht.
„Ja. Auch wenn ich sowas nicht gewöhnt bin. Und nicht weiss, wie ich damit umgehen soll. Und du mich damit nervös machst. Trotzdem.“ Oh man, wie klang das denn? War sie am Ende doch in ihn verknallt? Emma verstand sich gerade selbst nicht mehr. Sie musste dringend mit Tine telefonieren!
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sjoe
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Erstellt am 01.04.2006 - 10:57

Als sie Tine von dem Gespräch berichtete, war diese erst einmal sprachlos. Nach einer Weile dann:
„Emma? Was machen diese Norweger mit dir?“
„Wenn ich das nur wüsste…“
„Aber das klingt, als ob du doch was von ihm willst.“
„Ja, das ist mir danach auch aufgefallen. Ich versteh das alles nicht.“
„Kriegst du Bauchkribbeln, wenn du ihn siehst?“
„Nein.“
„Träumst du von ihm?“
„Bis jetzt nicht.“
„Auch keine Tagträume an der Uni oder so?“
„Nein.“
„Überlegst du dir manchmal, was er gerade macht?“
„Nein.“
„Überlegst du dir, wann du ihn endlich wieder siehst?“
„Nein.“
„O.k., ich würde mal sagen, du bist nicht in ihn verknallt. Aber was ist es dann?“
„Vielleicht, weil ich ihn ja praktisch nur so kenne?“
„Und dir gefällt, dass du ihm gefällst!“
„Tine!“
„Ach komm! Ist das nicht so?“
„Naja, ein klein bisschen vielleicht schon.“
„Boah! Ich würd am liebsten sofort kommen und dich wieder mit nach Deutschland nehmen! Das kann kein gutes Ende nehmen! Du bleibst doch noch dort.“
„Ach Tine.“
„Was? Du bist gerade mal zwei Wochen da und schon liegt dir ein Kerl zu Füßen. Und du genießt das! Wie soll das denn bitte weitergehen?“
„Weiss ich nicht. Und darüber bin ich ehrlich gesagt froh. Überleg mal, ich wüsste es jetzt schon!“
„Auch wieder wahr. Aber ich will das nicht. Du sollst nicht da bleiben, Emma.“
„Jetzt mach doch mal halblang. Noch habe ich sowieso 50 Wochen vor mir. Und dann sehen wir weiter.“
In der nächsten Woche startete die Uni für Emma so richtig durch. Sie musste sich tonnenweise Sachen kopieren, viele Bücher besorgen und auch zu Hause noch einiges tun. Mit Solveig frühstückte sie immer und sie fuhren auch gemeinsam mit der Bahn, aber das war es dann auch.
Am Mittwoch Abend traf sie sich mit Liv und erzählte ihr ebenfalls von dem Gespräch mit Toril.
„Verstehst du das?“ fragte sie dann.
„Nein, aber man muss ja auch nicht immer alles verstehen, oder? Und ich meine, wenn es dir damit gut geht, dass alles zwischen euch so weiterläuft wie bisher, warum nicht? Toril hat vermutlich auch nichts dagegen, also.“
„Ja, du hast ja recht, aber merkwürdig ist es schon.“
„Na und? Das Leben ist nun mal manchmal unlogisch, sonst wär’s ja auch langweilig. Außerdem, wer weiss: vielleicht verliebst du dich ja doch noch in ihn, wenn du ihn besser kennenlernst.“
„Tine würde mich umbringen!“
„Wer ist Tine?“
„Meine beste Freundin in Deutschland. Sie hat voll die Paranoia, dass ich mir einen Norweger angle und dann für immer hier bleibe.“
„Könntest du dir das denn vorstellen? Für immer hier bleiben, meine ich.“
„Hm. Ich liebe dieses Land, die Sprache und auch die Leute. Und wenn ich dann auch noch einen Mann lieben würde, der hier bleiben will oder muss, dann könnte ich mir das schon vorstellen, ja.“
„O.k., dann hat sie ja nicht mal ganz Unrecht, oder? Ich meine, ein Jahr ist eine lange Zeit in der sehr viel passieren kann. Und hier gibt es nun mal auch nette Männer.“
„Ja, sicher. Aber ich bin eigentlich nicht deshalb hergekommen.“
„Natürlich nicht. Nur: man kann nie wissen.“
„Nein, das kann man nicht.“
Irgendwie fühlte Emma sich hinterher besser. Liv hatte einfach eine andere Sichtweise auf das Leben, die ihr unheimlich weiterhalf.
Als sie am nächsten Abend zu Hause saß und gerade versuchte, einen recht komplexen Text zu verstehen, klingelte das Telefon.
„Hei, Emma hier.“
„Hei, hier ist Toril.“
„Oh, hallo.“
„Wie geht’s dir?“
„Gut. Aber diese Woche ist es ganz schön stressig, hab viel zu tun. Und bei dir?“
„Ebenso. Stör ich dich?“
„Nee, ich versteh den Text eh nicht. Warum?“
„Ich würd gern ein wenig mit dir plaudern. Nur wenn du magst, natürlich.“
„Klar.“ Sie wechselte vom Schreibtischstuhl aufs Bett und machte es sich bequem.
„Wann soll ich kommen und die Schraube für das Bild befestigen?“
Automatisch warf Emma einen Blick auf das wunderschöne Foto, das bis jetzt noch an die Wand gelehnt auf ihrem Schreibtisch stand.
„Weiss nicht. Vielleicht häng ich es gar nicht auf.“
„Wieso? Gefällt es dir doch nicht?“ er klang enttäuscht.
„Quatsch, du Dummkopf! Es steht auf meinem Schreibtisch, lehnt an der Wand. So kann ich es viel besser angucken, jedenfalls wenn ich da sitze und was arbeite. Es ist einfach nur toll.“
„Dann ist ja gut. Und was ist mit der leeren Wand?“
„Ich übernehme eine deiner guten Ideen und nutze sie als Pinnwand.“ Toril lachte:
„Geschickt gelöst!“
„Ja, finde ich auch.“
„Kommst du am Samstag Skispringen gucken?“
„Hab ich schon vor.“
„Schön.“
„Wo ist es denn diesmal?“
„In Deutschland. Titisee-Neustadt, im Schwarzwald.“ Es klang knuffig, wie er die deutschen Wörter aussprach.
„Wie viel deutsch verstehst du eigentlich?“ fragte sie, einer Eingebung folgend, in genau dieser Sprache.
„Hm, wenn du nicht so schnell redest, geht es.“ antwortete er, ebenfalls auf Deutsch.
„Oh!“ sie wechselte wieder ins Norwegische.
„Und wie viel hast du von dem Telefongespräch verstanden, als du mich das erste Mal besucht hast?“
„Nichts. Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich gerade zur Tür kam und klopfen wollte, als du meinen Namen gesagt hast. Ich hab nicht gelauscht.“
„Tut mir leid! Ich weiss, du hast das schon mal gesagt. Und ich glaube dir ja auch.“
„War es denn so geheim, was du über mich gesagt hast? Dann hättest du aber besser die Tür zu gemacht, schließlich ist Solveig ja auch noch da.“
„Was heißt geheim? Ich hatte Tine von dem… also… von unserem Brüderschafts-Kuß erzählt. Nichts also, was Solveig noch nicht wusste. Ausserdem ist sie nicht so gut in Deutsch. Na, jedenfalls war Tine ganz entsetzt und hat mich gefragt, ob ich was von dir will. Und meine Reaktion darauf hast du dann gerade noch gehört.“
„Oh, aha. Aber warum war sie entsetzt?“
„Weil ich sowas normalerweise nicht mache.“
„Was? Brüderschaft trinken?“
„Das auch, ja. Aber es war wohl eher die Art, wie wir uns geküsst haben und dass ich dich habe machen lassen, ohne dir eine runterzuhauen.“
„Das war also etwas besonderes?“
„Schon. Aber ich war ja auch nicht mehr ganz nüchtern.“
„Sonst hättest du mich gehauen?“
„Vermutlich.“
„Oh. O.k., dann bin ich mal lieber vorsichtig!“
„Genau.“
„Oder ich mach dich vorher besoffen.“ Sie sah sein Grinsen dazu vor ihrem geistigen Auge.
„Wag dich!“
„Du, Emma?“ Jetzt war er wieder ernst.
„Ja?“
„Ich bin froh, dass du nicht willst, dass sich was ändert! Ich hätte nicht gewusst, wie ich das hinkriegen soll. Aber du musst sagen, wenn es dich doch nervt, ja?“
„Ja, keine Sorge, das sag ich dann schon!“
„Gut. Was machst du jetzt noch?“
„Weiss nicht. Ich fürchte, wo ich jetzt schon mal auf dem Bett liege, kann ich mich nicht mehr aufraffen, noch was für die Uni zu tun. Vielleicht was lesen. Oder gleich schlafen gehen. Und du?“
„Ich glaube, ich geh noch spazieren.“
„Jetzt noch? Ist doch viel zu kalt.“
„Heh! Ich bin Norweger!“
„Ach ja, natürlich. Und Norweger frieren nicht, richtig?“
„Genau!“
„Und was ist Solveig dann? Sie hat mir letztens gesagt, dass ihr auch kalt ist.“
„Die ist ja auch NorwegerIN, das ist ein deutlicher Unterschied.“
„Ach?“
„Ja. Die haben auch kalt, damit sie von den Norwegern gewärmt werden können.“ Emma kicherte.
„Ach sooo! Jetzt versteh ich das.“
„Sehr gut. Einen Punkt in Norweger-Kunde.“
„Oh toll. Was krieg ich dafür?“
„Nichts. Ein Punkt reicht da noch lange nicht.“
„Schade!“
„Tja, so ist das eben. Aber ich bin dir gern dabei behilflich, weitere Punkte zu bekommen.“ Grins, grins.
„Warum war mir das sofort klar?“
„Weil du schlau bist.“
„Ich glaub eher, weil du leicht zu durchschauen bist.“
„Bin ich das?“
„Zumindest in gewissen Bereichen, würde ich mal sagen. Soo gut kenne ich dich ja noch nicht.“
„Du darfst mich gern fragen. Alles.“
„Alles?“
„Alles.“ Emma grübelte kurz, dann fragte sie einfach das erstbeste, was ihr in den Kopf kam.
„Wieso guckst du eigentlich Skispringen?“
„Weil ich damit groß geworden bin. Meine Eltern haben das immer geschaut. Ich mit. Und weil es ein geiler Sport ist, den ich leider nicht mehr machen kann.“
„Du bist mal gesprungen?“ sie konnte es nicht fassen.
„Ja. Ich hab mit 8 angefangen und bin gesprungen bis ich 13 war. Dann bin ich übel gestürzt, hatte diverse Verletzungen und seitdem wäre es zu riskant. Leider.“
„Warst du gut?“
„Obere Mittelklasse, würd ich mal sagen. Aber ehrgeizig genug, um es weiter gebracht haben zu können. Macht halt einfach süchtig.“
„Süchtig? Das?“
„Ja, das! Wenn man einen guten Sprung macht, dann fühlt sich das einfach soo unglaublich cool an, man fliegt und alles scheint perfekt. Und das will man einfach immer wieder haben.“
„Kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Ich glaub, das kann sich niemand wirklich vorstellen, der nicht schon selbst gesprungen ist.“
„Vermutlich nicht. Aber wie kannst du das denn ohne aushalten, wenn es so toll ist?“
„Naja, inzwischen ist es lang genug her, um mich dran gewöhnt zu haben. Aber die ersten zwei drei Jahre war es wirklich hart. Zuerst durfte ich außer Krankengymnastik überhaupt keinen Sport machen, das war die schlimmste Zeit. Dann hab ich alles ausprobiert, was ich durfte, aber einen wirklich gleichwertigen Ersatz hab ich bis heute nicht gefunden.“
„Was machst du jetzt noch für Sport?“
„Krafttraining, Langlauf, Laufen und im Sommer so ziemlich alles, was mit Wasser zu tun hat.“
„Kein Wunder, dass du Sport studierst!“
„Ja, stimmt. Und weißt du, was ich am liebsten eines Tages damit machen würde?“
„Nein. Was denn?“
„Trainer werden. Skisprung-Trainer. Oder Nordische Kombination.“
„Nordische was?“ Toril lachte:
„Du kennst Nordische Kombination nicht?“
„Nein. Ich kannte ja schließlich auch kein Skispringen. Mein Vater guckt höchstens Fußball. Aber da meist auch nur Länderspiele oder Weltmeisterschaften und so. Also: was ist das?“
„Eine Kombination aus Skispringen und Langlaufen. Wer am weitesten springt, startet zuerst in das Langlauf-Rennen. Hab ich auch mal ne Zeit lang gemacht, aber nur zu springen hat mir besser gefallen.“
„Was es alles gibt!“
„Kennst du Kite-surfen?“
„Was fürn Ding?“ Toril lachte wieder:
„Dachte ich mir doch, dass du das auch nicht kennst. Kite-surfen. So wie Windsurfen, nur dass man anstatt eines Segels eine Art großen Drachen benutzt. Auch ziemlich geil.“
„Das machst du?“
„Ja.“
„Oh man! Und was willst du dann bitte ausgerechnet mit so einer Sport-Niete wie mir?“ Sie hatte mal wieder geredet, ohne vorher nachzudenken. Hinterher hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Das war ein Thema, was sie eigentlich nicht diskutieren wollte. Zu spät.
„Bist du das? Eine Sport-Niete?“
„Ja, so ziemlich. Ich kann zwar schwimmen und Rad fahren und ein klein wenig Ski fahren, aber dann hört es auch schon auf.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
„Alles andere kann ich nicht. Ausprobieren wollen würde ich schon mal ein paar Sachen. Aber nicht so was verrücktes wie Skispringen oder Kite-surfen.“
„Immerhin hast du die Bereitschaft, etwas auszuprobieren. Das ist doch schon mal ein Anfang. Wie sieht es mit Langlaufen aus?“
„Ich weiss immerhin, was das ist. Gemacht hab ich es aber noch nie.“
„Das müssen wir unbedingt nachholen. Das ist schließlich DER norwegische Sport schlechthin. Du kannst nicht so lange hierbleiben, ohne Langlaufen zu gehen!“
„Von mir aus!“
„Spätestens an Ostern, wenn wir eh alle in Holmbergs stue fahren, wird das fällig. Aber noch besser wäre es, wenn du vorher schon mal hier übst, dann hast du da schon mehr Spaß.“
„Ostern? Holmbergs stue?“
„Ja. Holmbergs, also Liv’s Eltern, haben ein ziemlich großes Haus in der Nähe von Lillehammer. Und traditionell fahren wir da über Ostern hin. Es ist immer sehr lustig, vorallem, wenn Livs Cousins und deren Freunde auch noch kommen.“
„Du meinst Sigurd?“
„Ja, den auch. Aber Liv hat noch mehr Cousins.“
„Und du glaubst, ich kann da auch mitfahren?“
„Sicher! Du gehörst doch jetzt dazu!“ Auch wenn es von Toril kam und damit wahrscheinlich allein seine Meinung ausdrückte, war es schön, das zu hören.
„Danke!“
„Du brauchst dich nicht dafür bedanken. Ist doch so!“ Emma wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Also sah sie auf die Uhr und erschrak.
„Toril!“
„Ja?“
„Hast du mal auf die Uhr geschaut?“
„Nein. Wieso? Oh! Schon ganz schön spät!“
„Allerdings. Ich glaub, ich sollte mal ins Bett.“
„Ja, ich glaub, meinen Spaziergang lass ich jetzt auch mal lieber ausfallen, ich muss morgen schließlich früh raus.“
„Wann denn?“
„Um halb Acht muss ich am Sport-Campus sein. Langlauf-Training.“
„Ui.“
„Ja. In zwei Wochen ist ein Uni-Wettkampf. Und da will ich gewinnen.“
„Ist der hier in Oslo?“
„Nein, leider nicht. In Lillehammer. Deswegen bin ich dann auch nicht da zum Skispringen gucken. Das geht das ganze Wochenende.“
„Echt?“
„Naja, da kommen halt die Teams von allen Unis aus Norwegen zusammen. Nicht nur Langlauf, sondern natürlich auch Springer, Kombinierer, Biathleten und so. Und bis dann alle Entscheidungen gefallen sind, dauert das.“
„Und wie viele Wettkämpfe hast du?“
„Auf jeden Fall zwei Einzelwettkämpfe. 10 und 20 km. Und wenn ich gut genug bin, dann noch eine Staffel.“
„Boah.“
„Ja. Und da ich gut genug sein will, werde ich jetzt schlafen gehen. Gute Nacht, Emma!“
„Nacht, Toril!“ Aber Emma brauchte noch eine ganze Weile, bis sie wirklich schlafen konnte. Das war das beste Gespräch gewesen, was sie bisher mit Toril hatte. Ganz ohne Andeutungen oder andere peinliche Sachen. Naja, fast. Und damit hatte diesmal sie angefangen. Und er war eigentlich gar nicht weiter darauf eingegangen, was sie ihm wirklich hoch anrechnete.
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Erstellt am 02.04.2006 - 15:51

Solveig fragte am nächsten Samstag schon gar nicht mehr, ob Emma mitwolle oder nicht, sondern sagte ihr lediglich, dass es bei Toril schon Mittagessen gäbe.
„Ui, das ist ja ein Luxus! Wie kommen wir denn dazu?“ wollte Emma wissen.
„Bei Gunnar war gestern Familienfest, ich glaub sein Vater hatte einen runden Geburtstag. Die haben noch total viel übrig. Bevor es verkommt, dachten sie wohl, das können sie auch Gunnars immerhungriger Clique überlassen.“
„Ach und ich dachte, Toril hätte für uns gekocht.“ Solveig lachte:
„Ich glaub, wenn das mal vorkommt, dann lass ich den Tag zum Feiertag erklären. Er ist zwar immer für sowas zu haben, aber sich dann allein in die Küche stellen und alles vorbereiten ist nicht so sein Ding.“ Emma dachte an das Frühstück und war sich da nicht so sicher. Andererseits war ein Frühstück natürlich nicht so aufwändig, wie ein Mittagessen.
Toril öffnete die Tür und wie immer umarmte er erst Solveig und dann Emma. Inzwischen hatte sie sich wirklich beinahe daran gewöhnt.
„Schön, dass ihr hier seid. Bis jetzt sind nur Gunnar und Anita da. Aber die andern kommen sicher auch gleich.“ Wie zur Bestätigung klingelt es gleich wieder.
„Anita?“ Emma sah Solveig fragend an. Die zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Vielleicht seine neue Flamme. Bei Gunnar weiss man nie…“
Nachdem sie ihre Jacken aufgehängt hatten, gingen sie in Richtung Küche, denn von dort konnten sie Stimmen hören. Gunnar war gerade dabei, einen Stapel Teller aus dem Schrank zu holen. Neben ihm stand eine ziemlich hübsche junge Frau und schien ihm etwas zu erzählen.
„Oder was meinst du?“ fragte sie jedenfalls gerade. Er brummte nur, lächelte dann aber erfreut, als er Emma und Solveig in der Tür stehen sah.
„Hei.“
„Hei.“ Er machte keine Anstalten, die andere vorzustellen und so ergriff Solveig die Initiative.
„Hei. Ich bin Solveig. Das ist Emma.“
„Anita. Ich bin Gunnars Cousine. Hatte noch keine Lust, nach der Feier wieder nach Hause zu fahren, wenn ich denn schon mal in Oslo bin. Und als Gunnar erzählt hat, dass er sich mit Euch trifft, habe ich mich einfach mit eingeladen. Finde ich witzig, dass ihr immer zusammen Skispringen guckt. Ich kann da ja nicht so viel mit anfangen. Ich mein, da gibt es ja durchaus ein paar süße Kerle, aber das wars dann auch schon. Naja, ich hoffe, wir gehen danach noch weg, durch ein paar Clubs ziehen oder so. Wird bestimmt lustig.“
Diesen Redeschwall gab Anita ohne irgendeine Pause von sich. Gunnar verdrehte zu ihnen gewandt angenervt die Augen und Emma konnte ihn gut verstehen. Höchstwahrscheinlich durfte er sich Ähnliches schon seit gestern anhören.
„Können wir noch was helfen?“
„Glaub nicht.“ Gunnar überlegte kurz.
„Höchstens noch Getränke ins Wohnzimmer bringen. Alles andere haben Toril und ich schon gemacht.“ Das war eine deutliche Spitze gegen Anita, aber die schien das nicht gehört zu haben.
„Oh ja, vielleicht hat er ja auch Lakka da. Das Zeug ist einfach nur lecker, das könnt ich von morgens bis abends trinken. Nur schade, dass ich keine Finnen kenne, die haben sowas immer im Haus.“ sagte sie stattdessen.
Emma ging ins Wohnzimmer, um nicht laut loszuplatzen. Du meine Güte, das konnte ja heiter werden. Anita hatte zwar braune Haare, aber im Hirn war sie eindeutig blond! Da täuschte das hübsche Aussehen auch nicht wirklich lang drüber hinweg. Kristian und Liv kamen ins Wohnzimmer. Liv umarmte Emma.
„Wie geht’s dir?“ wollte sie dann wissen.
„Gut, danke. Ging zwar auch nach Mittwoch noch echt stressig weiter, aber jetzt ist ja zum Glück Wochenende. Kennt ihr schon Gunnars Cousine Anita?“
„Nein, wieso?“ fragte Kristian.
„Na, dann werdet ihr sie kennenlernen. Sie ist nämlich mit Gunnar mitgekommen.“
„Du meinst, er hat sie mitgebracht?“
„Nein. Sie ist mitgekommen.“
„Aha.“ Kristian verstand offenbar nicht, was sie meinte.
„Du wirst schon sehen…“ prophezeite Emma ihm grinsend.
Toril kam ins Wohnzimmer, Marianne und Berit im Schlepptau.
„Ich weiss nicht, ob Terja noch kommt. Sie hatte mal wieder Zoff mit Sveinn.“ sagte Marianne.
„Schon wieder?“ Liv klang bekümmert.
„Ja. Ich versteh das auch nicht. Ich würde mir das an ihrer Stelle nicht bieten lassen!“
„Tja, offenbar hat der Kerl irgendwelche Qualitäten, von denen wir nichts wissen!“ sagte Toril und es war deutlich, dass er sich keine vorstellen konnte.
„Wieso, was ist denn mit dem?“ nun war Emma doch neugierig geworden.
„Ach, er will nicht, dass sie sich mit uns trifft. Erstens findet er Skispringen affig und zweitens ist er krankhaft eifersüchtig. Als ob Terja über Gunnar oder Toril herfallen würde.“ Berit schüttelte den Kopf,
„Er kennt uns alle und wir haben ihn schon so oft eingeladen, obwohl er nun wirklich nicht so toll ist. Halt Terja zu liebe. Aber wenn er denn mal mitgekommen ist, gab es immer nur Zoff. Ich glaube, Toril war schon öfter kurz davor, ihn zu schlagen, oder?“
„Oh ja! Und zwar sehr kurz.“
„Und das ist jedes Mal wieder ein Kampf, ob Terja kommen kann oder nicht. Wir drängeln sie immer, weil sie sonst gar nicht mehr raus käme. Und er versucht alles, damit sie da bleibt.“ Das war Liv. Marianne sagte:
„Können wir nicht jemand anderen für sie finden? Ich glaub, sie weiss einfach nur nicht, dass das nicht normal ist, wie der Kerl sie behandelt. Ich glaub, ihr Vater war ein ähnlicher Typ, sie hat mal sowas angedeutet.“
„Wer ist hier mein Typ?“ Anita betrat das Wohnzimmer, sah sich kurz um und steuerte dann schnurstracks auf Kristian zu:
„Hei. Ich bin Anita, Gunnars Cousine. Schön dass wir uns treffen.“ Liv sah sie verwirrt an und Kristian klappte einfach nur den Mund auf und zu.
Emma bahnte sich so schnell wie möglich einen Weg durch die anderen hinaus in den Flur. Dort platzte sie los. Oh heilige Scheisse, wie sollte sie diesen Nachmittag durchstehen? Toril kam ihr nach. Er sah sie besorgt an, aber als er sah, dass sie lediglich versuchte, ihr Lachen zu ersticken, grinste er ebenfalls.
„Ist sie nicht umwerfend?“ fragte er leise.
„Wenn das jetzt bedeuten soll, dass sie genau dein Typ ist, dann bringe ich dich um.“ Das Grinsen wurde breiter:
„Eifersüchtig?“
„Quatsch! Aber es würde meine Meinung über dich erheblich schädigen.“
„Oh, dann muss ich mich wohl doch bei Anita zurückhalten. Schade!“ Sie deutete einen Arschtritt an. Er warf ihr einen langen, intensiven Blick zu.
„Mehr muss ich dazu ja wohl nicht sagen, oder?“ fragte er dann. Emma war unter diesem Blick mal wieder rot geworden und schüttelte stumm den Kopf.
„Gut. Dann komm, sonst fangen die da drinnen noch an, wildeste Sachen zu vermuten!“ Toll, dieser Spruch half natürlich nicht gerade, etwas gegen ihre Gesichtsfarbe zu tun, deshalb schob sie Toril schon mal in Richtung Wohnzimmer und sagte:
„Ich komm gleich nach!“
Anita versuchte das gesamte Mittagessen über, Kristian anzubaggern. Irgendwann wurde es Liv zu bunt:
„Hör mal, wenn du jetzt nicht sofort aufhörst, meinen Freund anzumachen, dann passiert was!“ Die Angesprochene sah sie beleidigt an und sagte:
„Du meine Güte, stell dich nicht so an. Ich will doch nur Spaß haben.“
„Aber nicht mit meinem Freund!“ Kristian war sichtlich erleichtert, als Anita sich danach dem einzigen übrigen Opfer zuwandte: Toril. Der konnte sich ihrer Avancen kaum noch erwehren und flüchtete irgendwann auf die Toilette und tauchte erst wieder auf, als der erste Durchgang begann.
Als Anita da wieder drauflos quasselte, wurde sie von einem 8-Stimmigen:
„Halt die Klappe, Anita!“ zum Schweigen gebracht. Eingeschnappt saß sie da und starrte missmutig vor sich hin, sagte aber das ganze Springen über kein Wort mehr.
„Hoffentlich bleiben die Bedingungen jetzt mal stabil! Die hatten gestern so Windprobleme, das nix mit Training oder Quali war!“ erzählte Liv.
„Echt?“
„Ja, Sigurd hat gestern mit meinem Bruder telefoniert und das erzählt.“
Aber am heutigen Tag war wettertechnisch alles bestens. Janne Ahonen landete seinen 12. Sieg in Folge und das, obwohl er stark erkältet war und Fieber hatte.
„Der Kerl ist echt der Wahnsinn!“ sagte Marianne anerkennend.
„Der ist Finne! Die sind alle wahnsinnig. Und hör ja auf, den zu bewundern, das ist ein Feind!“ drohte Gunnar ihr.
„Was kann ich dafür, dass außer Roar keiner der Norweger was auf die Reihe bekommt?“ Der war nämlich fünfter geworden.
„Moment mal, Lars ist doch immerhin auf Rang 12. Und ausserdem ist Kojo auch Finne und ja wohl kein Feind!“ beschwerte Berit sich.
„Ja, ja. Aber danach kommt ganz lange nichts mehr! Bjørn- Einar auf 24 und Henning auf 30. Sigurd und Lars haben es nicht mal in den zweiten Durchgang gepackt. Mies. Ganz mies!“
Eine Weile herrschte betretenes Schweigen, dann sagte Gunnar:
„Ich geh jetzt. Kommst du, Anita?“ Der Gute hatte wohl wirklich vor, sie von der Tussi zu erlösen.
„Ruf mich an, wenn ihr wisst, was heute Abend geht!“ zischte er Toril noch zu bevor er die Tür hinter sich zumachte.
Sie überlegten eine Weile hin und her, was sie am Abend machen sollten. Solveig wollte, wie ursprünglich von Anita vorgeschlagen, tatsächlich mal wieder durch ein paar Clubs ziehen. Sie konnte erst Marianne, Kristian und dann auch Toril davon überzeugen. Liv hatte weniger Lust und Emma wollte partout nicht. Sie hasste tanzen. Doch dann sagte Liv:
„Was ist Emma? Wenn du mitgehst, komme ich auch.“ Kristian warf Emma daraufhin einen derart bittenden Blick zu, dass sie sich erweichen lies.
„Also gut, überredet. Aber wehe, ihr tanzt alle die ganze Zeit und ich muss mich allein da rumlangweilen.“
„Nein, versprochen, das wird nicht passieren!“ beruhigte Solveig sie. Sie verabredeten, sich um 21 Uhr vor dem ‚Sikamikanico’ zu treffen.
Solveig und Emma fuhren dann erst mal wieder nach Kringsjå.
„Ich würd gern jetzt gleich duschen. Oder willst du?“ fragte Solveig, als sie die Wohnungstür aufschloss.
„Nein, ich dusche später, mach du nur.“
„O.k.“ Da genügend Zeit war, beschloss Emma, noch ein wenig zu lesen. Dabei musste sie eingenickt sein, denn als sie von einem Scheppern aufschreckte, lag das Buch neben dem Bett auf dem Boden. Sie sah auf die Uhr. Halb Acht. Dann jetzt aber mal schnell unter die Dusche!
In der Küche traf sie auf Solveig, die gerade die Scherben eines Tellers beseitigte.
„Gut, dass wir noch ein Service gekauft haben. Der ist mir grad voll abgeschmiert.“ sagte sie.
„Hatte auch was Gutes. Ich hätte nämlich sonst verpennt.“
„Oh, na dann!“ sie grinste und zwinkerte ihr zu.
„Würdest du mich später noch Klamottentechnisch beraten? Ich weiss nämlich nicht, was man in norwegischen Clubs so trägt.“
„Klar, gern!“
Zwanzig Minuten später standen sie vor Emmas Kleiderschrank.
„Oah, die Hose da ist cool, die musst du anziehen!“ Sie zeigte auf eine von Emmas wenigen, die keine Jeans, sondern ein rosa-changierendes Teil war.
„Die? Das war eigentlich mehr ein Fehlkauf, hatte ich noch nie an. Vorallem, weil ich gar kein gescheites Oberteil dazu habe.“
„Da finden wir schon was. Zieh die erst mal an.“ Währenddessen sah Solveig die Oberteile durch, aber Emma hatte Recht. Etwas wirklich Passendes besaß sie dazu nicht.
„Ich glaube, wir gehen demnächst mal einkaufen!“ entschied Solveig.
„Boah, ich liebe es, fremdbestimmt zu werden! Warum machen das eigentlich dauernd irgendwelche Leute mit mir?“
„Wer denn noch?“
„Na Toril!“
„Toril? Interessant!“ Sie grinste, „Erzähl!“