josh 


Status: Offline Registriert seit: 06.01.2006 Beiträge: 74 Nachricht senden | Erstellt am 06.09.2007 - 19:06 |  |
BallinStadt Am Donnerstag wird Hamburgs Auswanderermuseum eröffnet
Mehr inszenierte als gelebte Geschichte
Viel Docutainment, wenig originale Atmosphäre: In der Praxis muss sich zeigen, wie das Ausstellungskonzept auf der Veddel funktioniert.
Von Lutz Wendler
Volker Reimers von der Leisure Work Group.

Volker Reimers von der Leisure Work Group. Foto: Zapf
Hamburg -Abednblatt
Der Ort klingt eher nach konspirativem Treff als nach dem Ausgangspunkt einer touristischen Attraktion: am äußersten Eck der Landungsbrücken, Höhe Fischmarkt, versteckt gelegen an der Brücke 10. Hier ist der Anleger der Barkasse, die übermorgen mit der Eröffnung des Auswanderermuseums Ballinstadt auf der Veddel den regulären Betrieb aufnimmt. Die Fährlinie wird fünfmal am Tag (www. maritime-circle-line.de, Ticketpreis: 5 Euro ) die Ballinstadt anfahren und auf dem Rückweg auch Hafenmuseum, HafenCity und Speicherstadt ansteuern. Ein deutlich sichtbarer Hinweis auf dieses Angebot fehlt noch. Eine Art Geheimtipp also, aber zweifellos der attraktivste Weg in die Ballinstadt. Die Besucher werden aufs Thema eingestimmt, das eng mit Hamburgs Geschichte als Umschlagplatz verbunden ist. Diesmal geht es um Menschen, nicht um Waren. Und um ein Kapitel, das lange vergessen war, ebenso wie der Ort, an dem Hapag-Reeder Albert Ballin 1901 die Auswandererhallen errichten ließ.
Nach dem steilen Aufstieg vom neuen Anleger Ballinstadt eröffnet sich der Blick auf einen Park und drei U-förmige Doppelhäuser aus Backstein. Vor 100 Jahren standen hier mehr 30 Gebäude, eine kleine Stadt mit Schlaf- und Speisesälen, mit Kirchen und Synagoge. Fünf Millionen Menschen sind zwischen 1850 und 1934 über Hamburg in die Neue Welt ausgewandert, ein Drittel davon machte hier Station, nachdem 1901 auf der Veddel organisatorische und hygienische Bedingungen geschaffen worden waren, von denen Auswanderer und Reederei gleichermaßen profitierten.
Heute stehen hier drei sichtlich neue Backsteinhäuser - "in der Ausfertigung besser als die alten Gebäude", sagt Jens Nitschke, Geschäftsführer der Leisure Work Group, dem Betreiber der Ballinstadt. Wir befinden uns auf historischem Boden, doch das Original ist längst verschwunden. Was die Frage nach der Authentizität dieses Museums eröffnet. "Man muss bedenken, dass dies eine Gebrauchsanlage war", sagt Ursula Wöst, wissenschaftliche Leiterin der Ausstellung. "Die Häuser waren nicht für die Ewigkeit bestimmt. Es ist zwar bedauerlich, dass wir nicht mehr so etwas wie einen kompletten Schlafsaal haben, aber es gibt viele historische Orte, die nur über Fotografien und Dokumente zu rekonstruieren sind." Die Quellenlage betrachtet sie als Geschenk und eine große Chance: "Wir hatten umfangreiche Akten, komplette Auswandererlisten, Baupläne. Der Ort ist außergewöhnlich gut dokumentiert."
Basis für ein Ausstellungskonzept, in dem Geschichte als "Docutainment" inszeniert wird. Herzstück des Konzepts ist die Ausstellung in der mittleren Halle. Schon im Entree deutet sich das Konzept an: In goldenen Rahmen sind bewegte Bilder zu sehen, Living Pictures. Dekoriert ist das Szenario mit Schifffahrtsplakaten und historischen Gepäckstücken. Der Pfad ist thematisch gegliedert, interaktive Angebote, sprechende Puppen und Installationen informieren über Motive der Auswanderer, die Situation in ihren Heimatländern, über Ballin, über den bedeutenden Wirtschaftsfaktor Auswanderung, das Leben in der Ballinstadt (in der ersten Halle wurde ein Schlafsaal rekonstruiert), Überfahrt und Ankunft, Erwartungen und enttäuschte Hoffnungen in den Zielländern. Besucher sollen sich in Auswanderer hineinversetzen (auch virtuell am Computer), und es werden Verbindungslinien zu heute gezogen, denn das Thema ist ein offenes, wie Jens Nitschke betont: "750 000 Deutsche sind 2006 ausgewandert - mehr denn je seit 1945. Und 60 Prozent der Menschen, die auf der Veddel leben, haben einen Migrationshintergrund."
Viel Docutainment, wenig originale Atmosphäre: In der Praxis muss sich zeigen, wie das Ausstellungskonzept auf der Veddel funktioniert.
Man vermisst jedoch die Aura des Authentischen - auch wenn viele kleine Exponate die Ausstellung bereichern. Wie wichtig Originale sind, zeigen die Briefe und Fotos eines Auswanderers nach Uruguay. Oder die Leihgaben der Hamburgerin Helga Jass, deren Mutter sich auf der Überfahrt in den Chefsteward verliebte, heiratete und mit ihm zurückkehrte. Dies sind Geschichten, die Geschichte anschaulich machen. Ursula Wölk ist zuversichtlich, dass der Bestand an solchen Stücken noch wachsen wird, weil Besucher dazu beitragen: "Wir wollen eine lebendige Ausstellung, die sich ständig erneuert."
erschienen am 3. Juli 2007
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