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...   Erstellt am 11.04.2009 - 17:45Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden 


Ausgewandert - Deutsch in Lateinamerika



In dieser Sendung bringen wir Ausschnitte aus einem Symposium aus Anlass der Ausstellung "Die Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum. Die Ausstellung wird ausgesprochen gut besucht und ist noch bis zum 3. Mai zu sehen. Das Symposium befasste sich unter dem Titel "Ausgewandert" mit der deutschen Sprache in Lateinamerika.

"Nicht nur die Menschen sind ausgewandert zu den verschiedenen Zeiten, sondern mit ihnen ist ihre Sprache in die Welten jenseits des Ozeans mitgegangen - jeweils ihre Sprache, und die unterliegt dort Veränderungen und neuen Einflüssen, wird aber auch oft wie eine Konserve, wie eine Zeitkapsel aufbewahrt."
sagt Hans Ottomeyer, der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums.



www.marianistas.org

Das Symposium am 30. März nahm Lateinamerika in den Blick. Dort bereitet man sich bereits auf die 200-Jahrfeier der Unabhängigkeit verschiedener Staaten von Spanien im Jahre 2010 vor. Wie sehr die Geschichte der Einwanderung maßgeblich die Sprachentwicklung beeinflusst hat, insbesondere die der deutschen Sprachinseln, etwa im Süden Brasiliens, aber auch in Argentinien und Chile, das machte Stefan Rinke deutlich, Professor für Geschichte am Lateinamerikainstitut der Freien Universität Berlin:
"Lange hat man in der deutschen historischen Migrationsforschung den Schwerpunkt auf die Auswanderung nach den USA gelegt und dabei insbesondere das 19. Jahrhundert als klassisches Jahrhundert der Auswanderung untersucht.


wikimedia.org

Angesichts der Zahlen war diese Schwerpunktsetzung durchaus auch vertretbar. Es wanderten ja immerhin mehr als 90 Prozent der deutschen Übersee-Auswanderer in diesem Zeitraum nach den Vereinigten Staaten aus. Dabei wurde aber häufig vergessen, dass diese transatlantische Migration nicht einseitig nach Norden ging, sondern dass ein Teil der deutschen Auswanderer sein Glück in Lateinamerika suchte.

Die deutschen Einwanderungen in Lateinamerika blieben zwar im Vergleich zu denen von der iberischen Halbinsel und Italien quantitativ eher gering; allerdings waren die Einwanderer in vielen Regionen Lateinamerikas wichtig, und sie hatten großen Einfluss."

gymnasium-wesermuende

Der Süden Amerikas war schon früh auch in das Blickfeld deutschen Interesses geraten. Doch waren koloniale Bestrebungen eher unbedeutend, Versuche Brandenburgs etwa, sich auf einer Insel in der Karibik, St. Thomas, festzusetzen und am Sklavenhandel zu partizipieren, blieben Episode. Die spanische Krone betrieb zumal eine Einwanderungsverhinderungspolitik für nichtkatholische, nichtiberische Interessenten.

Im 19. Jahrhundert änderte sich dies. Brasilien setzte in seiner Absatzbewegung von Portugal auf Einwanderer aus Deutschland, die im Süden angesiedelt wurden. Die brasilianischen Plantagenbesitzer sahen in den freien Kleinbauern allerdings eine heftige Konkurrenz. Auch in Argentinien suchte man Einwanderer ins Land zu holen - Stefan Rinke:

"Am Rio de la Plata wurde bereits früh eine gezielte Einwanderungsförderung versucht, um das dünn besiedelte Hinterland zu erschließen, nachdem man bereits 1812 nach gerade erst errungener Unabhängigkeit um die Schaffung günstiger Voraussetzungen bemüht gewesen war, richteten die Regierungen dann in den 1820er Jahren eine zukunftsweisende Landvergabe-Politik auf Kreditbasis ein.



guiafe.com.ar

Allerdings war diese Politik nur kurzlebig, da Argentinien durch die Bürgerkriege und fremdenfeindliche Haltung des Diktators Juan Manuel de Rosas viele Jahre als Auswanderungsziel ausfiel."

lacomunadoce

Die spätere Einwanderung nach Argentinien führte anders als in Brasilien nicht zu geschlossenen Siedlungen, da aufgrund des starken Anteils von Großgrundbesitz die Situation auf dem Land eine andere war.

Hier war es vor allem Buenos Aires, wo sich Deutsche niederließen und eine eigene Sprachkultur pflegten. Etwa bei Festen wie dem 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Franka Bindernagel von der FU Berlin hat darüber geforscht:
"Und die Zeitzeugen sagten damals, es wäre die erste große Veranstaltung der deutschen Community überhaupt gewesen, wo sich auch alle gemeinsam getroffen hätten. Es haben sich in der 'sociedad rural' - das ist so eine Art Stadion -

fhuc.unl.edu.ar


8.000 Menschen getroffen und verschiedenen Aufführungen von Schulkindern zugeschaut. Das war ein ganz wichtiges Event für die Deutschsprachigen dort, wo es um ihre Geschichte ging und auch um Verfertigen von Identitäten."


Immer dabei: zwei deutschsprachige Zeitungen. Die "La Plata Zeitung" monarchistisch, deutschnational, später nach 1933 offen nationalsozialistisch. Und das "Argentinische Tageblatt",


press-guide

liberal, republikanisch. In den 30er Jahren, als politische und rassisch Verfolgte nach Argentinien kamen, trafen die beiden Lager oft heftig aufeinander. Es entstand zwischen der La Plata Zeitung, mit 40-45.000 Auflage und dem Tageblatt mit rund 28.000, ein regelrechter Pressekrieg statt, der sich schon lange vorher abgezeichnet hatte - Franka Bindernagel:
"Die deutsche 'La Plata Zeitung' und das 'Argentinische Tageblatt' standen schon aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtung immer wieder im Konflikt, da hat es immer wieder Hakeleien gegeben.

Beispielsweise bemängelte die deutsche 'La Plata Zeitung', dass das 'Tageblatt' zu viel über die Sozialisten im Kaiserreich berichten würde und das 'Tageblatt' machte sich lustig, dass die 'La Plata Zeitung' doch eigentlich nur Hofberichterstattung aus dem Berliner Schloss machen würde. Insgesamt müsste man zu den beiden Zeitungen sagen, dass es eine typische Enklaven-Publizistik war. Es war eine fremdsprachliche publizistische Inselliebe da und es hat spezifische Beiträge gegeben aus dem Herkunftsland, da sind auch Informationen über Kontakte verbreitet worden. Es hat auch Beiträge gegeben, die wichtig waren für die Aufrechterhaltung dieser sprachlichen Enklave. Eine andere Funktion dieser Blätter war eine Selbstbeobachtung der Deutschsprachigen."

Eine besondere Situation findet sich in Paraguay.

paraguay-search

Dorthin sind Mennoniten ausgewandert, aus den USA, aus Russland, die zuvor aus dem Danziger Raum in Richtung Ukraine unterwegs waren. Immer auf der Suche nach Orten, an denen sie ihr Leben ohne Militär und ohne Eidzwang leben konnten. Ihren Dialekt aus der Weichselmündungsgegend nahmen sie mit.

Die Journalistin Stefany Krath ist den Spuren des Paltduitschen und der Mennoniten nachgegangen:
"Im Westen, im Chaco, gibt es drei Kolonien, die eher modern geprägt sind, im Osten Paraguays auch noch sehr viele Kolonien, die traditionell leben. Im Jahr 2002 gab es eine Volkszählung in Paraguay, bei der man 30.000 Mennoniten insgesamt zählte.


Heute sprechen die Mennoniten davon, dass es 30.000 Gläubige sind, getaufte Erwachsene und die ganzen Kinder und Jugendlichen, die es in den Kolonien gibt, sind noch nicht erfasst."

In Paraguay hat sich das Plattduitsche mit indigenen Sprachen vermischt, auch mit spanischen Begriffen. Und so wird aus einem Autounfall: ich hab schockiert, da 'choque' Zusammenprall bedeutet.

Peter Rosenberg, der an der Viadrina Universität Frankfurt Oder die Arbeitsstelle Deutsch als Minderheitensprache aufgebaut hat, hat verschiedene sprachliche Entwicklungen im Blick.



Etwa die Pomeranos im Süden Brasiliens, unschwer erkennbar von ihrer Herkunft aus Pommern.


labjor.unicamp.br


Dort sind zum Teil Dialekte bewahrt worden, die infolge der Vertreibung nach 1945 aus Hinterpommern kaum noch existieren. Und auch das Hunsrück-Deutsch soll nicht unterschlagen werden.
"Das sind drei der großen erhaltenen Hauptdialekte, die wir unter den Deutschen in Lateinamerika finden. Wir haben auf der einen Seite das Mennoniten-Plautdietsch, das gilt für Paraguay, für den Chaco, das gilt aber auch für Chihuahua in Mexiko, für Belize und für Brasilien, wo es sich in verschiedenen Orten erhalten hat.

Wir haben in Brasilien den großen Hauptdialekt, das Hunsrück-Deutsch - das ist ein Kontinuum, das zwischen sehr starkem Ortsdialekt und einer dem Hochdeutschen angenäherteren Version sich abspielt. Und es ist der im Süden Brasiliens noch sehr stark erhaltene Pomerano, der Pommersch-Dialekt. Wir haben darüber hinaus eine große Vielfalt von verschiedenen Dialekten, die durchaus nicht überall ausgeglichen sind und auch nicht überall zum Hochdeutschen übergegangen sind, zumal das Hochdeutsche oft gar keinen besonderen Einfluss hatte. Und gerade in der Zeit, als die Schulen abgeschafft wurden in deutscher Muttersprache, es auch gar einen Gegenpol gegen die Dialekte gab."



Erhalten haben sich auch Siedlungen der Wolgadeutschen,

library.ndsu.edu
die in den Jahren nach der sowjetischen Machtübernahme auswanderten. Sie bauen übrigens ihre Häuser immer noch so, wie in Russland, mit der Haupttüröffnung nach Süden, trotz der veränderten Sonnenstandsbedingungen auf der südlichen Halbkugel.


In Chile haben sich im Süden eigene deutsche Siedlungen entwickelt, die zunächst recht autonom lebten. Der Bau einer großen Eisenbahnlinie von Nord nach Süd um die vorletzte Jahrhundertwende änderte die Lebensbedingungen und die Sprachsituation grundlegend - Peter Rosenberg:
"Mit der Anbindung der Region wächst der Zuzug von Ibero-Chilenen, auch nach Yanquihue, jedoch erreicht die Sprachbeherrschung des Spanischen in den ländlichen Kolonien lange Zeit nicht das Niveau der deutschen Stadtbewohner. Die deutschen Schulen, die evangelischen Kirchen und die deutschen Vereine stützten nach wie vor die deutsche Sprache.
Am Yanquihue entwickelt sich eine von spanischen Lexemen interferierte Ausgleichsvarietät, das so genannte 'Launa-Deutsch' - Lagunen-Deutsch. Man könnte auch sagen: See-Deutsch.

Als Charakteristika werden zahlreiche Hispanismen genannt, etwa 'die Wacken gletschert' - das bedeutet: die Kühe gemolken und kommt von 'lechar las vacas'.

Wachsender Wohlstand und Mobilität kennzeichnen die Deutschen, aber zunehmend auch die örtlichen Ibero-Chilenen.

Mit dem Schwinden der sozialen Kontraste fallen auch die ethnisch-kulturellen Unterschiede immer weniger ins Gewicht. Ebenso verlieren die konfessionellen Schranken in einer Zeit allgemeiner Säkularisierung an Bedeutung.

Die Öffnung der deutschen Kolonien und eine zunehmende Anzahl von Mischehen führen schließlich zu einem spanisch dominierten Bilingualismus."


Die Eingewanderten waren oft auch im Fokus ihrer Herkunftsländer. So schickte die Evangelische Kirche Pfarrer aus dem Deutschen Reich in den brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Die waren aber oft von der Lage vor Ort irritiert, wie Frederik Schulze von der FU Berlin herausgefunden hat:
"Die Ausgewanderten hielten nämlich nicht bedingungslos an der deutschen Sprache fest, sondern lernten portugiesisch, wann immer dies notwendig und sinnvoll war.

Oft entstand eine Mischsprache, in der portugiesische Begriffe eingedeutscht wurden, darüber hinaus sprachen viele Einwanderer gar kein Hochdeutsch. Dieser Umgang mit der deutschen Sprache wurde von der Kirche als Degenerierung, als Verbrasilianisierung empfunden.

Die Zeitschrift "Der deutsche Ansiedler" stellte schon 1888 fest, dass 'unsere ausgewanderten Landsleute, wo ihnen Kirche und Schule fehlen, nicht nur moralisch verwahrlosen und ihre Nationalität verlieren, sondern auch geistig allmählich auf das Niveau der sie umgebenden romanischen und halbromanischen Bevölkerung herabsinken'."


Was ist die Zukunft des Deutschen im Süden Amerikas. Hans Dieter Dräxler, Leiter der Spracharbeit mit Regionalauftrag Südamerika am Goetheinstitut Sao Paulo ist zuversichtlich.



exo.org.br


Das muttersprachliche Deutsch der auf dem Kontinent lebenden Nachfahren von Einwanderern mag schwinden. dennoch:

" ... wir haben einmal die sprachlichgeographische Randlage Südamerikas, und wir haben wie überall auf der Welt die Dominanz der Englischen und das sind, insbesondere in Augen von Deutschen oder deutschen Firmenvertretern ganz schlechte Vorzeichen für das Deutsch. Ich denke, dass dies aber nicht der Fall ist, sondern, wenn wir uns anschauen, wie sich in den letzten Jahrzehnten die Kommunikationstechnologie entwickelt hat, was es alles für Phänomene gibt unter dem Oberbegriff Globalisierung, können wir feststellen, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen zugenommen hat, dass es immer wichtiger wird, an Wissensbestände anderer Länder heran zu kommen, und dabei sind Fremdsprachen der direkte Zugang. In diesem Sinne sind heutzutage Fremdsprachen nicht mehr elitärer Bildung oder bestimmten Berufen vorbehalten, sondern es ist eine, sowohl im Privatleben als auch in Aus- und Fortbildung oder im Beruf häufig angewendete Kompetenz, und dies kann man so zusammen fassen, dass moderne Gesellschaften nicht nur Bürger mit Fremdsprachenkenntnissen brauchen, sondern mehrsprachige Bürger."

Umgeschicthet - Vergangenheit aus der Nähe betrachtet von Harald Asel.






Mehr Informationen über die Ausstellung Die Sprache Deutsch im
[Deutschen Historischen Museum Berlin]

[Dieser Beitrag wurde am 11.04.2009 - 18:05 von Miguel aktualisiert]





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Ich habe die

"die Wacken gletschert'





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