<Johannes> unregistriert
| Erstellt am 31.05.2009 - 11:36 |  |
Drei Stunden habe ich Aufenthalt in einer Stadt, die früher einmal mein Lebensmittelpunkt war.
Ich habe mit Absicht eine Zugverbindung mit denm langen Aufenthalt gewählt.
Ich wollte diese drei Stunden, wollte auf alten Wegen gehen, die bekannten Namen von Geschäften lesen, in denen ich einmal eingekauft habe, Straßenschilder lesen, die mir entfallen waren, Erinnerungen wecken.
Und dann stehe ich vor einem Haus, das einmal meine Arbeitsstelle war, und gehe hinein und lese die Namen an den Türen.
Viele sind neu, aber manche verbinden sich mit Menschen, mit Ereignissen. Gemeinsames. Gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Feiern, gemeinsame Ärgernisse, gemeinsame Freuden. Ist es möglich, daß man so viel Gemeinsames einfach hat verschlummern lassen, obwohl es doch jetzt so greifbar, so drängend wird?
Ich könnte so eine Tür öffnen und sagen, hallo, da bin ich wieder, erinnern Sie sich, erinnerst du dich?
Aber die Türklinke ist fremd, wird sperrig, liegt schwer in der Hand.
Was dann, wenn keiner sich an mich erinnert? Eine Tür geht auf, weit hinten, und ich stülpe meinen Kragen hoch und drehe mich weg. Ausgerechnet er, er ist also noch hier. Er ruft etwas ins Zimmer zurück. Die liebe Stimme. Und dieses Lachen. Ich schlage den Kragen wieder zurück, denke mir das Wiedersehen als Freude zurecht, für beide, aber da ist er schon weg, im Fahrstuhl verschwunden. Nein, nicht so. Wenn man an alten Stätten wieder aufkreuzen will, muß man sich anmelden. Dann wird ein Tisch gedeckt sein mit Gläsern oder mit Tassen, dann werden alle, die man kannte, zur Verfügung stehen, vorbereitet, erinnert. Wie schön, daß Sie ... Nein, so auch nicht.
Vielleicht besser ein kurzer Anruf: Ich bin hier in der Stadt, bin in fünf Minuten da. Dann sind sie vorbereitet und doch nicht, können keine Empfangsschau veranstalten, sind so, wie sie sind und wie sie sein müssen: am Arbeiten, in
Eile, aber fünf Minuten Zeit habe ich selbstverständlich, jetzt müssen Sie mich entschuldigen. So wäre es schön, wäre echt. Aber wenn dann keiner da ist von den Alten? Wenn ich dann lauter unbekannten Gesichtern gegenüberstünde? Wenn sie sagten, der Sowieso, ja, der würde sich sicher noch an Sie erinnern, aber er ist leider versetzt/verreist/ verstorben. Nein, so auch nicht. Und überhaupt nicht.
Ich ziehe die Eingangstür leise hinter mir zu und schleiche davon, als hätte ich etwas mitgenommen, was mir nicht gehört.
Ich sitze in einem Cafe und denke, du hast doch hier so viele gekannt, es muß doch einmal ein bekanntes Gesicht vorbeikommen.
Aber da kommen nur fremde, die bekannten sind anderswo oder auch längst nicht mehr da. Ich trinke meinen Kaffee und komme mir lächerlich vor. Ich trinke einen Cognac und komme mir so normal vor und denke, daß es anderen doch auch so geht mit ihren Erinnerungen.
Und ich denke an all diejenigen, die sich wirklich gefreut hätten, mich wiederzusehen, weil auch für sie Erinnerung etwas Wertvolles, jederzeit Wiederbelebbares ist, und die jetzt nicht ahnen, wie knapp ihnen diese Freude entgangen ist.
Beim nächsten mal dann. Vielleicht.
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