madonna  undefiniert

Status: Offline Registriert seit: 05.12.2004 Beiträge: 5929 Nachricht senden | Erstellt am 22.03.2007 - 14:36 |  |
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Ariadna
Erstellt am 01.06.2005 - 22:37
Das Wort "heute"
Heute war ich wirklich ein Sklave meiner Stimmungen. In nichts konnte ich mich beeinflussen oder meiner selbst Herr werden. Von einer Merkwürdigkeit in die nächste schlitternd, wusste ich doch, dass nichts in Wirklichkeit merkwürdig war. Den ganzen Tag habe ich nur gedacht und gefühlt. Weil ich nicht zur Arbeit musste, wollte ich direkt morgens nach dem Kaffee anfangen zu schreiben. Doch zuerst wirkte der Kaffee nicht. Also trank ich Tee. Doch der Tee schmeckte nur nach Wasser. Das lag daran, dass ich mir die Geschmacksnerven mit dem Kaffee verdorben und zartere Nuancen nicht mehr wahrnehmen konnte. (Außerdem war der Tee zu schwach geraten.) Also trank ich noch einen Kaffee, woraufhin ich Bauchschmerzen bekam und mich dehydriert fühlte, meine Augen wurden mir müde. Ich begann zu schreiben und hatte dabei sogar eine nette Idee. Aber die Sätze haben mit mir gemacht was sie wollten, sie tobten, sie bogen sich unter meinen klimpernden Fingern, bis ich völlig verwirrt wurde. Immer mit der Ruhe, sagte ich mir, immer mit der Ruhe. Zuerst mal, den ersten Satz laut vorlesen und dann überlegen, was nicht stimmt. Doch schon das lief schief! Ich las den ersten Satz und begriff ihn nicht. Das lag an der Stellung des „an“, ein Steinchen, welches ich überlesen habe und nachher auch nicht mehr vernünftig integrieren konnte. Ich stolperte darüber, dass ich mir gedanklich fast weh getan habe. Dann griff ich mir an den Kopf und wusste, dass mich weder Kaffee noch Tee weiterbringen konnten. Bleibt nur die frische Luft. Also ging ich (wie immer) vollbepackt mit Büchern zur Stadtbücherei, von denen ich kaum etwas gelesen habe. Das Licht draußen irritierte meine Augen, mir wurde fast schwindelig, als ich aus versehen in die Sonne blickte. Ich gab die Bücher ab, verlängerte die anderen und holte, wie unter Zwang, sechs neue Bücher, indem ich in der Romanabteilung beim Buchstaben „B“ herumgeschaut hatte. Bachmann, Tania Blixen, Anne Bronte, Amy Bloom. Von letzterer hatte ich noch nie etwas gehört und das reizte mich. Mit der Bachmann hatte ich noch eine Rechnung offen und nahm ihre gesammelte Prosa vom Regal. Anne Bronte stand im Schatten ihrer begabten Schwestern und ich wollte wissen warum, besonders deswegen, weil ich den ersten Satz ihres Romans „Agnes Gray“ sehr zustimmungswert wert fand. Den Namen „Blixen“ kannte ich und erhoffte mir rein gar nichts.
Wieder zuhause bemerkte ich, dass ich völlig hungrig war. Ich fühlte genau die Nervosität und die körperliche Verzweiflung dieses Zustandes. Zuerst aß ich, wobei ich darauf achtete, dass es langsam geschah und trank hinterher einen Tee und es war dieser Tee, der meine Nerven wieder ins Gleichgewicht brachte. „Es gibt nichts besseres als Grüntee!“ Das sagte ich mir vor, weil ich es glaubte und weil ich mich von den Nachteilen des Kaffees überzeugen wollte.
Wieder ruhiger, erhielt ich eine Email, die mich schon wieder aus der Ruhe brachte. Thematisch ging es um die Frage, ob es sinnvoll sei, zwischen „trivialer“ Literatur und „erhabener“ Literatur zu sprechen. Ich glaube nicht, an den Sinn dieser Frage, den die Tatsache, dass ich Shakespeare in zweiterer Schublade unterbringen würde, bringt mich ihm nicht näher, noch löst es irgendein Problem.
Aber ich wollte mich nicht aufregen, sondern meine Geschichte weiterschreiben. Also ließ ich die Beantwortung der Mail für einen anderen Zeitpunkt. Es war schon drei Uhr nachmittags.
Ich ging in mein Zimmer und besah den Anfang meiner Geschichte, der immerhin über 5000 Wörter zählt. Direkt weiterschreiben erschien mir nicht möglich, also öffnete ich ein jungfräuliches Worddokument und beschloss den verhunzten Teil des Vormittags zu vergessen und eine bessere Alternative zu schreiben. Der Cursor blinkte links oben auf der süßen Seite und ich konnte nicht, meine Gedanken waren wo anders, nämlich bei der Frage was denn ernsthafte Literatur sei. Nach meiner Gewohnheit, stellte ich mir die Frage nicht einfach so, sondern ich intonierte, modulierte meine Stimme, ich redete gedanklich zuerst mit einer Person, gleich mit der nächsten, gleich belehrte ich innerlich die ganze Welt und fühlte mich wirklich schäbig und hilflos, weil die Welt mich in den Boden kritisierte. Ich dachte zwar, dass ich verstünde, aber gleichzeitig blieben mir die guten Argumente fern, ich stotterte, dann fiel mir etwas ein und ich spulte die Szene noch mal zurück, um diesmal das Richtige zu antworten. Ich rang die Hände und dachte mir nur: oh Gott! Das ist es nicht, was meinen einen inneren Kampf nennt und trotzdem muss ich zugeben, dass ich andere Kämpfe nie ausfechten werde. Das Leben ist unfreiwillig in dem Sinn, dass man seinen Willen nicht bestimmen kann.
Erste Ermüdungserscheinungen traten ein. (Ich sah nicht mehr auf die Uhr.)
Aber ich wollte schreiben, eigentlich fühlte ich eine unbändige Lust zu schreiben. Das war wohl das Problem: ich hatte zu viel Lust. Wenn ich schrieb, konnte ich nicht vergessen, dass ich schrieb. Ich dachte: Man muss schreiben, ohne zu merken, dass man schreibt. Sobald man sich als Schreibende genießt ist es aus mit den Einfällen, weil man zu viel Energie auf die Begeisterung zu schreiben verschwendet und zu wenig auf die Geschichte selbst. Ich sagte mir: Es ist wie beim Sex. Beim Sex denkt man doch auch nicht: „Ich habe gerade Sex.“
Doch dann besann ich mich und erkannte, dass ich immer zwei Leute war: 1. ich, 2. der Mensch, der meinen Vornamen trägt.
Tatsächlich konnte ich nicht mal Sex haben, ohne eine Spaltung zu fühlen, ohne einen Menschen nah bei meinem Gesicht zu fühlen, der alles notiert.
Da ich nicht schreiben konnte, beschloss ich zu lesen. Ich nahm spontan die Bachmann zur Hand. Oh! Wir würden uns niemals verstehen. Die erste Seite ist interessant, die Zweite führt weiter bis zu dem Punkt, wo die Bachmann in ihrer ganzen Depressivität zum Tageslicht kommt. Sie schrieb:
Denn heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keinen Sinn (...)
Da fiel sie mir wieder auf den Wecker, die alte Bachmann, die hochdepressive Frau mit dem verwundeten Ego.
Das war nicht das Richtige, also griff ich zu Tania Blixens „Wintergeschichten“. Ich dachte, dass einige Zeilen reichen könnten, um mich zum schreiben zu bewegen. Ich brauchte nichts als den Anfang einer unbedeutenden Geschichte in dem Stil: Sie wachte vor dem ersten Sonnenstrahl auf und dachte: endlich! Heute ist der Schulausflug!
Falls jemand dies liest, wird er schon wissen, was kommt. Nämlich das Wort Doch oder Aber. Es liegt nicht an diesen Wörtern, sondern an dem Zustand, den diese Wörter beschreiben. Und dieser Zustand war heute so tausendfach vorhanden, als pieksten mich Millionen kleiner Nadeln, so klein, dass zwischen Qual und Liebkosung nur ein kleiner Schritt bestand.
Ich las eine Geschichte von Blixen mit dem Titel: Der junge Mann und die Nelke.
Es gefiel mir, ich las einige Seiten und plötzlich überflutete mich mein Zustand wieder und ich legte das Buch beiseite und rauchte eine Zigarette. Es war nämlich halb sieben.
Unerträglich liefen wieder Sätze durch meinen Kopf und im Hintergrund meiner Gedanken lief gerade eine Melodie von Vivaldi (Ohrwurm).
Meine Gedanken und Gefühlen waren tatsächlich an meiner Hautoberfläche zu fühlen: ein stechen, ein liebkosen, ein stechen, ein liebkosen... wie ein ganz, ganz leichter Kopfschmerz, von dem man nicht weiß, ob es ein Schmerz ist oder ein Behagen. Nur etwas anders, denn ein Kopfschmerz hat eher die Farbe blau, während das, was ich fühlte gelb oder orange wirkte.
Nach einigen inneren Dialogen und Tiralogen klappte ich das Buch von Blixen noch einmal auf und zwar in der Mitte. „Die unbezwingbaren Sklavenhalter“. Naja. Ich fing an zu lesen. Ich dachte: 1. hm. 2. hmm. 3. gut 4. interessante Einzelheit 5. Wortwahl hier ausgezeichnet 6. aha! 7.... bei siebtens geschah es: eine geistige Hitzewelle stieg in mir auf bis in die Stirn, ritt auf der Welle der Aufregung meines sinnlosen Tagen und... ich war müde, ich war begeistert, ich war ungläubig und ich wurde wütend, beleidigt und zugleich glücklich, ich legte meine Hände auf meine Augen und machte Schritte, hin und her, hin und her. Mit weit geöffneten Augen und starrem Blick trabte ich an Konstantin vorbei, wusste eigentlich nicht, wohin ich gehen sollte, konnte, wollte. Die inneren Aktivitäten (sei es nun denken oder fühlen) waren mir in die Knie gerutscht, ich konnte nicht da bleiben, ich konnte nicht hinaus gehen, ich konnte einfach nichts. Ich aß meinen inneren Eintopf, schmeckte mal Lust, mal Verzweiflung heraus. Ich freute mich auf ein Mal, dass diese Frau eine sehr gute Schriftstellerin war, als nächstes ärgerte ich mich mit schwärzesten Gefühlen über die Literaturgeschichte. Warum bitte, hob man unsympathische Typen in den Literaturhimmel wie die Bachmann, wie die Fr. von Bauvoir, wie die Duras? Warum unterschlug man echte, weibliche Literatur, wie die von Colette, wie die von Blixen.
Vielleicht handelten die Männer einerseits nach ihrem Schönheitsideal: eine schwache, depressive Frau mit überausgeprägtem Ego. Und vielleicht wollen die Frauen einfach keine Konkurrenz und loben deswegen diese Mittelmäßigen, damit sie der Star ihrer Realität bleiben? Ach. Ich wusste nicht, ich konnte nichts antworten, mir bleib jedes Wort im Halse stecken und die Welt hatte immer viel bessere Argumente, als ich.
Weiterlesend, überkam mich wieder eine Welle der Begeisterung, ich rieb meine geistigen Augen, so verwundert war ich, eine gute Schriftstellerin zu lesen.
Meine Begeisterung hatte die Kante des Abgrunds erreicht. Immer noch der schöne, schreckliche Schmerz auf meiner Haut.
Ich griff zum Telefon und rief den Freund an, der mir die Email geschrieben hatte...
Er war nicht da. Ich hörte seine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: Hallo, hier ist der Anschluss von....
Wieder geschah mir etwas seltsames. Das Gefühl, wenn man seine eigene Stimme auf Kassette hört: welch Unbehagen und was für eine Neugier, was für ein Schmerz und welche Heimatbekanntschaft. All dies fühlte ich in seiner Stimme, es war meine Stimme, verfremdet dadurch, dass ich sie von außen hörte und nicht von innen, wo der Hall an den Knochen des Kopfes zurückprallt und einen ganz anderen Eindruck der Stimme widergibt. Eine Stimme, die nicht durch die Ohren gehen muss, sondern schon im Kopf entsteht.
Ich hörte seine Stimme und fühlte mich unbehaglich und gleichzeitig meinte ich, mich selbst zu treffen, in einen anderen Leben, so vieles kam auf ein Mal: das süße Summen des Kühlschranks (wenn ich am summenden Kühlschrank vorbei komme, denke ich: Ach, Kühlschrank! Du summst so vor dich hin, wie nett von dir, du summst wie eine Katze schnurrt, du sagst mir mit deinem Summen: „mach meine Tür auf und entdecke die Möglichkeiten“, dabei weiß ich auswendig, was ich gekauft habe und was nicht, bei mir gibt es nie viel Auswahl zu essen. Und trotzdem summst du und erinnerst mich an das erste Paradies der Kindheit.), der spezifische Geruch einer Geige (ich sehe eine Geige und denke: ah, ja. Ich erinnere mich. Aber irrational, wie ich bin, rieche ich daran und plötzlich weiß ich wirklich wieder wie es war: ich rieche dir Formen der Geige, eine Sehnsucht in die Vergangenheit gerichtet und mit Auswirkungen auf die Gegenwart: dafür müsste man eine grammatikalische Zeit erfinden) oder eines 30jährigen Buches aus der Bibliothek meines kolumbianischen Großvaters (Ich rieche ein anderes Land, einmal habe ich es beschrieben mit: das Paradies eingefasst in Stacheldrahtzaun, aber ich denke in Wahrheit anders, meine Omi versteht alles, sie ist einer der genialischen Menschen, die alles begreifen können und sich nie wundern, mein Opi ist an Krebs gestorben und war fürchterlich sentimental), die lustigen Einfälle, die ich früher selbst hatte und nun von meiner fünfjährigen Schwester weiter geführt werden (Ich lache wirklich über ihre Witze. Ich lache auf indem ich meinen Mund zur Decke wende, einen hellen wie-soll-ich-sagen-Laut von mir gebe, und sie daraufhin ansehe mit einem Blick der meint: Wir sind wirklich Schwestern, es ist nicht eine Papierwahrheit, ihre Augen machen mir Spaß, wenn sie mir was vorspielt, ich liebe ihren kleinen Mund und falle hinein in das rote Loch, wo ihre Wackelzähne wohnen.)
Ich hing am Telefonhörer, keiner ging ran, meine Erregung hatte mich gänzlich ermüdet, ich wusste nicht, was ich mit mir heute noch anfangen konnte, also schrieb ich diesen Text, voll der Worte, die ich nicht sagen konnte, weil ich etwas anderes sagen wollte, weil.
Originalstandort
http://www.razyboard.com/system/morethr … 492-0.html
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[Dieser Beitrag wurde am 17.05.2007 - 11:58 von madonna aktualisiert]
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