sota 

Status: Offline Registriert seit: 12.06.2006 Beiträge: 8 Nachricht senden | Erstellt am 05.07.2006 - 09:20 |  |
Sie hatte mehr schlecht als recht in den Armen von Yngvar geschlafen. Es lag nicht an ihm, sondern an seinen Worten, ihren Gedanken, ihrer Angst. Noch immer hatte er sich komisch verhalten. Als er mit der Fackel auf sein Boot zu gegangen war, war ihr das Herz stehen geblieben. Kuriose Gedanken durchzogen ihren Geist in diesen Momenten, gepaart mit der Trauer um Elin.
Elin... Sie konnte es immer noch nicht fassen. Sie war gegangen? Auch wenn die letzten Wochen anstrengend mit ihr gewesen waren, hätte sie niemals ihren Tod gewollt. Doch war sie allein in die Fluten gegangen. Warum? Hielt sie es nicht mehr aus, am Pfahl festgekettet zu sein? Sie hatte sie oft beobachtet, schon vor dem ganzen Leid. Immer hatte sie das Gefühl gehabt, eine gewisse Traurigkeit in ihren Augen zu sehen, wobei oftmals Hass und Hinterlist überwiegten. Aber sie wußte doch, daß sie "nur" die Zweitfrau war und bei den Göttern. Sie konnte doch froh sein, einen so guten Mann zu haben. Er hätte sie ganz anders behandeln können. Man hatte schon öfters gehört, daß sich Frauen das Leben nahmen, wenn sie mit diesem Leben nicht zurecht kamen. Aber Elin?...
Die Hand auf dem Bauch liegend sah sie mit tränengefüllten Augen auf den Fluß, dorthin wo die Strömung am Stärksten war und Elin wohl unter Wasser gerissen hatte. Sie holt tief Luft. Sie wollte nicht mehr weinen. Aber sie konnte nichts gegen diese Gefühle machen. Yngvar hatte sich so verändert. Innerhalb eines Tages. Er zweifelte an sich, an seiner Bestimmung als Gruppenführer. Und nun? Nun hatte sie ihn den ganzen Tag schon nicht gesehen und mit jeder Stunde stieg die Angst. Sie hatte diese Leere in seinen Augen gesehen, seine Verzweiflung, auch wenn er sie nicht nach außen hin preis gab. Langsam sieht sie über die Schulter, ihr Blick tastet die Siedlung ab. Sie hoffte ihn irgendwo zu sehen, doch nichts. Dann sieht sie den Hügel hinunter, zu der Ebene, die bald von Wäldern verschluckt wurde. Sein Pferd war weg. "Er reitet nur aus um einen klaren Kopf zu kriegen..." redete sie sich seit den frühen Morgenstunden ein. Doch war das kein Trost. Nein, bei Odin das war es nicht. Ihr Blick wird hektischer, als sie nicht einmal Anzeichen auf einen Reiter erkennt, ihre Hand krallt sich leicht in ihren Bauch. "Er läßt uns nicht allein, das hat er versprochen..." Ihre Stimme brach, als wieder mehr Tränen in ihre Augen stiegen. Glaubte sie selbst an ihre Worte? Nein. Wie konnte sie auch, wo sie ihren Mann so gesehen hatte, wie nie zuvor? Gebrochen, hoffnungslos. Seine Worte... Als wenn er wüßte, er würde gehen und nie wieder kommen. Und jetzt? Jetzt war er fort geritten und kam und kam nicht wieder! Sie wollte sich, tonlos schluchzend, gerade auf die Knie sinken lassen, ließ sie sich von der Angst um Yngvar einfach zu Boden ziehen, als sie die Stimme ihres Jungen hört: "Mor? Wo ist Vater?" Ruckartig sieht sie über die Schulter, starrt den Größten regelrecht an, der den Kleinen, der eben mal laufen konnte, an der Hand hielt und dieser ihn immer fast im Hinfallen mit zog. Sóta schluckt hart, ringt sich ein Lächeln ab. "Er muß etwas erledigen. Er ist weg geritten." Murriges Brummen kommt von dem Kleinen, bevor er mit dem Fuß aufstampft. "Mist! Und ich, wir wollten doch... Wann kommt er wieder?" Langes Schweigen von Sóta, während sie nicht einmal blinzelt. "Mor? Wann kommt Vater wieder?" "Bald..." kam eher heiser über ihre Lippen. "In Ordnung. Dann gehen wir Elin suchen." Schon wand er sich um und Sóta stockt der Atem. "Nein! Nein... Elin ist auch nicht da... geht... geht zu Hallveig. Ihr könnt ihr bestimmt beim Brotbacken helfen." Sie ringt sich ein Lächeln ab, was für die Kleinen wohl ehrlich rüber kommt. Wieder leises Gebrummel, bevor der Größte nickt, sich mit dem Kleinen umdreht und zu den Häusern hoch stapft. Sóta sieht ihnen nach, bis sie in dem Haus verschwunden sind, bevor sie die Augen schließt, sich wieder zum Fluss umwendet, die Lippen aufeinander presst. Sie würde es ihnen sagen müssen. Aber jetzt?... Jetzt konnte sie nicht. Im stillen Weinen, was sie einfach zuließ, kann man nur zwei erstickte Worte vernehmen: "Yngvar.... bitte... "
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