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Carpenoctem ...



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...   Erstellt am 02.08.2009 - 08:15Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


An Andre Hofer kommt in Tirol niemand vorbei. Schon gar nicht in diesem Sommer, 200 Jahre nach dem Volksaufstand von 1809.

Wer versteckt sich hinter den zahllosen Liedern, Bildern und Legenden vom bärtigen Sandwirt aus dem Passeiertal?

Ein Freiheitsheld, ein Revolutionär gegen Zentralstaat und Obrigkeitswahn, ein „Gamsbart-Guevara"?

Oder doch eher ein Konservativer, ein Verehrer von Gott, Kaiser und nationaler Ordnung?

Hinter ihm stand und steht das Tiroler Volk in seltener, wenn auch nicht völliger Einmütigkeit.

Der wunderbare Aufstand der Tiroler gegen die Fremden endete mit ihrer Dienstbarkeit im Fremdenverkehr. Die mittelalterliche Auffassung, dass Revolution wieder dort landet, wo sie begann, ist nicht so ganz primitiv, betrachtet man die großen Revolutionen der Neuzeit. Nur ein paar Jahrzehnte, und man ist von den alten Zaren bei den neuen Zaren. Bürgerliche und sozialistische Revolution sind Zwillingsschwestern desselben eisernen Zeitalters:
Revolution heißt erbarmungslose Durchsetzung der Industrialisierung.
So betrachtet war Hofer Konterrevolutionär.
Er stand auf gegen den einmarschierenden Industrie-, Zentral- und Militärstaat, ob er Bayern hieß oder Frankreich.

Heute heißt Revolution Widerstand gegen die Zerstörung des Menschen und der übrigen Schöpfung durch die Segnungen des industriellen Fortschritts.

So betrachtet war Hofer Revolutionär.
Er stand

• gegen die zentralstaatliche Ökonomie -
Industrie und Handel auf großer Stufenleiter ruinieren die ländlichen Produzenten,
Wirte, Kleinhändler;

• gegen die zentralstaatliche Bürokratie -
aus einer fernen Hauptstadt gelenkt, zerstört sie die Vielfalt der Dorf- und Talschaften, legt sie zusammen in einförmige große Verwaltungskreise zwecks besserer ökonomischer Nutzung, höherer Steuerleistung,effizienter Aushebung von Kanonenfutter,lückenloser polizeilicher Kontrolle.

• gegen das Ungeheuer Staat überhaupt -
die bayrischen Besatzer waren ununterbrachen unterwegs, um alles und jedes ununterbrochen zu reformieren.
Sie waren typische Reformer:
Wenn das dumme Volk ihre aufgeklärte Klugscheißerei nicht annimmt, sind die Reformer beleidigt und werden gewalttätig.
Bauernkaiser Hofer in der Innsbrucker Hofburg, vier kostbare Monate lang (Ende Mai bis Ende Oktober 1809) - das war Tiroler Freiheit: besonnene Untätigkeit, während Land und Leute das Lebensnotwendige ohnehin selber tun.

• gegen die Arroganz der Aufklärung -
aus München, letztlich aus der französischen Revolution und deren Resultat,
der Diktatur Napoleons, strömte eine Zivilisa
tion ins heilige Land, die dessen Kultur -
jenes lebenstragende Netz aus Sitten, Bräuchen, Märchen, Mythen, heidnisch-katholischer Frömmigkeit - heruntermachte und haßte.
Vater Hofer, so nannten ihn die Tiroler, spürte das, und sie wehrten sich.


• gegen die zentralstaatliche Militärmaschine - hochbürokratisiert und hochtechnisiert fürchtet sie die aus dem Heimatboden wie Drachensaat sprießende anarchische Selbstverteidigung -
wegen dezentraler Disziplinlosigkeit;
wegen regelloser Vermischung vom Kämpfenden und Zivilisten, Männern und Frauen, Greisen und
Kindern, Heldenmut und Hasenfüßigkeit,
Großmut und Grausamkeit.




<Johannes>
unregistriert

...   Erstellt am 04.08.2009 - 11:55Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hofers Sandwirtshaus und die andern Tiroler Wirtshäuser, die die Hauptquartiere des Volkskrieges 1809 sind, sind Zentren der wertkonservativen Revolution gegen den modernen Zentralstaat.

Das Wirtshaus ist eine ökonomische Maßeinheit: Die dort weiterhin betriebene Landwirtschaft wirkt als Bremse für die Expansion des zugehörigen Gewerbes und Handels (von Wirtshaus zu Wirtshaus quer durchs Land).

Großproduktion und Großhandel, deren Vorkämpfer die bayrischen und französischen Besatzer sind, zerstören die dezentrale Bodenständigkeit der Hoferschen Wirtshaus-Wirtschaft.

Das Wirtshaus ist eine politische Maßeinheit: Soviel Leute als in ihm Platz haben, können gerade noch direkte Demokratie betreiben.

Was drüber hinausgeht, erfordert Bürokratie, wie sie von den Besatzern eingeführt und aus Steuern finanziert wird.

Die Tiroler Wirte sind auch darin Freiheitshelden, dass sie notorische Steuerhinterzieher und, als Händler über die Alpenpässe, auch Schmuggler sind.

Das Wirtshaus ist eine kulturelle Maßeinheit:
Hier wird täglich mehrere Stunden nahgesehen.

Ein Wirtshaus fasst grad soviel Leute als miteinander gemütlich reden, andere Leute ausrichten, Gerüchte, Geschichten, Märchen erzählen, singen, musizieren, tanzen, raufen können.




<GastAdrian>
unregistriert

...   Erstellt am 04.08.2009 - 13:57Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Das hört sich sehr interessant an. Vor allem die Idee mit der unbürokratischen Demokratie, die möglich ist, wenn die Bevölkerung in ein Wirtshaus passt.

schrieb
    Das Wirtshaus ist eine politische Maßeinheit: Soviel Leute als in ihm Platz haben, können gerade noch direkte Demokratie betreiben.

    Was drüber hinausgeht, erfordert Bürokratie, wie sie von den Besatzern eingeführt und aus Steuern finanziert wird





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