Robin  Registrierter Member

Status: Offline Registriert seit: 22.12.2005 Beiträge: 416 Nachricht senden | Erstellt am 12.10.2006 - 21:29 |  |
Hoffnung auf Heilung
In Berlin beginnt ein internationaler Kongress zum großen Vergessen. Neue Therapien spielen dort nur eine Nebenrolle. Dabei gibt es erste wissenschaftliche Ansätze dafür Von Kathrin Zinkant
Wenn Mediziner und Pflegeexperten in den kommenden drei Tagen zusammenkommen, um auf dem 22. Internationalen Alzheimer-Kongress in Berlin über diese verheerende Krankheit zu sprechen, die vor allem Menschen im Alter befällt, wird von medikamentösen Therapien kaum die Rede sein. Zum einen haben Mediziner derzeit nicht viel in der Hand, wenn sie mithilfe von Gedächtnistests, bestenfalls noch Computertomografien die vage Diagnose Alzheimer stellen - alle gängigen Medikamente werden binnen eines Jahres von der Krankheit ausgezählt. Zum anderen erscheint den Veranstaltern der Hoffnungsschimmer aus der Wissenschaft offenbar nicht hell genug, als dass man über neueste Entwicklungen etwas ausgiebiger diskutieren müsste.
In der Forschung selbst sieht man die Dinge jedoch anders, und auch das Wissenschaftsmagazin Nature verbreitet in dieser Woche neuen Optimismus: Es berichtet von einem Enzym, Insuline Degrading Enzyme (IDE), mit dessen Hilfe man Alzheimer vielleicht doch endlich packen könnte. Nun ist IDE selbst zwar schon seit mehr als 50 Jahren bekannt, und man weiß längst, dass dieses Enzym neben Insulin und anderen kleinen Eiweißen auch jenes Protein abbaut, das bei der Entstehung der Krankheit die maßgebliche Rolle spielt; dieses so genannte beta-Amyloid verklumpt zu Plaques und tötet dadurch Nervenzellen im Gehirn. Wie der Abbau durch das Enzym IDE im Detail vonstatten geht, war indes bisher unklar, weshalb auch keine gezielte Suche nach einem Wirkstoff möglich war. Bislang wurden nur per Zufall Substanzen gefunden, die die Aktivität von IDE beeinflussten.
In Nature stellen Wei Jen Tang und sein Team aus Chicago und Argonne/Illinois nun erstmals eine Hochaufgelöste Struktur von IDE vor, aus der die Wissenschaftler auch den genauen Mechanismus abgeleitet haben, nach dem der Biokatalysator seine Opfersubstanzen zerschnippelt. Demnach gleicht IDE einer runden Schatulle mit Schnappverschluss, in die das so genannte Substrat hineinschlüpft. Der Deckel klappt dann zu, zerlegt das eingeschlossene Molekül und öffnet sich erst wieder, wenn die Reaktion beendet ist. Mit den Erkenntnissen über Struktur und Mechanismus können nun endlich Wirkstoffe entwickelt werden, die das Enzym zielgerichtet manipulieren - die IDE also zum Beispiel dazu bringen, sehr viel mehr beta-Amyloid zu zerstören als üblich. Den tödlichen Ablagerungen im Gehirn der Alzheimerpatienten ginge dann der Nachschub aus, unter Umständen könnten sich auch bereits bestehende Plaques wieder auflösen und abgebaut werden - zumindest in Mäusen hat man dergleichen schon beobachtet.
In einem begleitenden Kommentar spricht der Harvard-Forscher Dennis Selkoe deshalb auch von der Aktivierung IDEs als dem "logischen therapeutischen Ansatz". Der Neurobiochemiker räumt zwar ein, dass es gemeinhin leichter sei, Enzyme zu hemmen als sie zu aktivieren. Doch der Schnappverschluss macht IDE nach Selkoes Ansicht zu einem glücklichen Sonderfall: Der Verschluss scheint nämlich eine Bremse für den Abbau von beta-Amyloid zu sein. Schafft man es, ihn zu blockieren, verläuft die Reaktion viel flotter. Tang und sein Team fanden bereits eine Mutation, die IDE auf diese Weise schneller macht. Genau an diesem Punkt könnten neue Wirkstoffe zur Behandlung von Alzheimer ansetzen. "Aufregend" findet Dennis Selkoe das.
Aufregend ist das zweifellos, aber wie realistisch? Dass die neue Studie ganz sicher zu einer effektiven Therapie führt, würde Christian Haass nicht beschwören. Der international anerkannte Alzheimerforscher von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität bleibt aber davon überzeugt, dass die Wissenschaft bald eine wirksame Medizin gegen das große Vergessen in Händen hält. Wie Selkoe sieht Haass eine gute Chance darin, die Mutation im Verschluss des IDE nachzuahmen und damit einen dauerhaft geöffneten, hochaktiven Zustand des Biokatalysators zu erzwingen. Haass zweifelt zwar etwas daran, dass ein solcher Ansatz bereits vorhandene Ablagerungen im Gehirn auflösen kann, so wie das bei Mäusen der Fall ist. Aber er könnte die Krankheit immerhin stoppen. "Das bewegt sich alles in die richtige Richtung", resümiert Haass, und er meint damit nicht nur IDE. Auch Enzyme, die nicht beim Abbau, sondern in der sehr komplizierten Entstehung von beta-Amyloid mitmischen, sind im Rennen um den wunden Punkt der Krankheit noch ganz vorn dabei.
Über eines dieser Enzyme, es heißt BACE-1, hat Haass erst vor wenigen Wochen eine Arbeit in der Online-Ausgabe von Science veröffentlicht. Außer dass BACE-1 daran beteiligt ist, das beta-Amyloid aus einer Vorstufe in seine schädliche Form zu schnitzen, konnte man dem Enzym bisher keine sinnvolle Funktion zuordnen. Ein krankmachendes Enzym, das für den gesunden Organismus absolut entbehrlich scheint? Weg damit!, möchte man sagen. Doch das ist sehr gefährlich, denn BACE-1 hat sehr wohl eine Funktion, es ist für Entwicklung der zarten Isolierhüllen von Nervenzellen unverzichtbar. Haass konnte das jetzt in drei Tiermodellen zeigen und spricht von einer "guten Nachricht".
Denn: Medikamente ohne Nebenwirkungen gibt es nicht. Erst wenn sich diese Nebenwirkungen eingrenzen lassen, kann man daran gehen, bestimmte Medikamente auch zu testen. Im Fall von BACE-1 ist klar, dass das Enzym in alten Menschen - und um die geht es hier - eher keine bedeutende Rolle mehr spielt, weil die Entwicklung der Nervenzellen schon abgeschlossen ist. Als Zielscheibe für eine Therapie ist BACE-1 also weiterhin im Spiel. Und auch bei IDE ist klar, dass eine Aktivierung dieser Schnippelmaschine zwar zu Nebenwirkungen im Hinblick auf den Insulinhaushalt der Patienten führt - doch der ließe sich anderweitig wieder ins Lot bringen, oder durch Therapiepausen mildern.
Auf dem aktuellen Kongress in Berlin sind BACE und IDE und andere Forschungskinder aber nicht Teil des Programms. Stattdessen wird die Frage im Vordergrund stehen, was man mangels heilsamer Therapien denn nun mit den Patienten macht, um sie auf dem Weg ins geistige Nichts bestmöglich zu betreuen. Das ist wichtig genug, denn diese Menschen sind auf Hilfe dringend angewiesen. Für die Forschung und die Perspektive kommender Alzheimergenerationen ist es allerdings kaum ein positives Signal, wenn auf einem Kongress dieser Größe so wenig über aussichtsreiche Entwicklungen der Therapie gesprochen wird. Zuviel Hoffnung soll man in der Medizin schon aus Gründen der Ethik niemandem machen, aber sie regelrecht zu unterdrücken hilft der Wissenschaft und künftigen Patienten ebenso wenig weiter.
© ZEIT online 12.10.2006 - 09:59 Uhr
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