witchi  Der Burgherr (Admin) freier Ritter
       

Status: Offline Registriert seit: 18.04.2005 Beiträge: 2880 Nachricht senden | Erstellt am 08.07.2006 - 17:56 |  |
Die mittelalterlichen Beschreibungen der Alraune legten in der Regel Flavius Josephus oder Aelian zugrunde. Die Ernte der Wurzel unter Zurhilfenahme eines Hundes fand sich öfters beschrieben. Dabei fand sich das geerntete Alraunenmännchen auf dem Falkenberg bei Neukirch und in der Muskauer Heide (Lausitz) dann besonders üppig (HWbDA 1, 318f.; Kühnau 1926, II, 45).
Ob dies in Zusammenhang damit stand, dass die nun auch Galgenmännchen genannte Alraune vor allem unter dem Galgen oder Baum gern wachsen sollte, an dem ein Dieb gehängt worden war, ist fraglich. Den guten Wuchs sollte dann die Bedüngung mit dem Urin oder dem Spermium des Gehängten bewirken - eine Vorstellung, die die allerdings auf die Ernte bezogene Anweisung des Josephus und die aphroditischen Assoziationen auf merkwürdige Weise verschränkte und im Tod fundierte.
Zur erfolgreichen Ernte wurde wie bei den Samen des Farns die Mitternachtsstunde zur Johannisnacht vorgeschlagen. (vgl. hierzu auch Knabenkraut, Echtes Johanniskraut und Johannishändchen). Auch dann stieß die Alraune noch einen Schrei aus, der nach mancher Überlieferung außer dem Schrecken beim Gärtner nichts bewirkte, nach manch anderer aber sofort dessen Tod herbeiführte. Gerade in diesem Zusammenhang wurde dann auch der Hund des Josephus gern wiederbelebt: Die Ohren mit Baumwolle, Pech oder Wachs verstopft, waren so erst drei Kreuze über dem Alraun zu schlagen, um dann den Hund, an dessen Schwanz die Wurzel befestigt worden war, diese herausziehen zu lassen. So reimt noch Thurneysser:
»[...] der Grabt Alrauna undrem Gricht
Loufft weck das ers hör schreien nicht [...]«
(Thurneysser, Archidoxa; 1575, 49 V.)
Lediglich Albert (de veget. VII 2, cap.12,379) wie auch Konrad von Megenburg (Natur, 406) beschränkten sich hierbei eher auf die Beschreibung des Wurzelaussehens.
Hildegard von Bingen, die der Alraun ein ganzes Kapitel in der Causae et Curae widmete, wähnte im 12. Jahrhundert dann den Teufel in der Pflanze wohnen. Auch war das Ernten der Pflanze nun nicht mehr problematisch, jedoch sollte danach der Alraun in queckborn (Quellwasser) gelegt werden, um das Böse aus ihm hinauszudrängen - es sei denn, die Pflanze sollte explizit zu bösem Zauber verwendet werden. Bei (guter) Heilanwendung sollte die Pflanze dann gegen sexuelle Begehrlichkeiten wirken. Hierzu war eine weibliche Alraune zwischen Brust und Nabel des Kranken anzubinden, dann die Wurzel (?) in zwei Teile zu spalten und über die Lenden zu binden und zuletzt die linke Hand der schon völlig anthropomorph vorgestellten Wurzel zu zerreiben und mit Kampfer gemischt zu essen. Gegen Schwermütigkeit dagegen war hinreichend, die Wurzel mit ins Bett zu nehmen und bei deren Erwärmung ein bestimmtes Gebet zu sprechen. In beiden Fällen konnten Buchentriebe die Alraune ersetzen.
Nach anderen Sagen war, um einen Alraun besitzen und nutzen zu können, in jedem Fall ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Einem verstorbenen Besitzer eines Alrauns musste dann um so dringlicher Brot und Geld in das Grab gegeben werden. (Meyer 1884, 64). Auch das Weiterschenken vor dem Tod löste dies Problem nur bedingt. Denn das Geschenkte ließ sich, so die Vorstellung, nicht weiterverschenken, sondern kehrte immer zum ersten Besitzer zurück. (Manz 1916, 99).
Auch wurden Alraunen nicht nur als Wurzel, sondern auch als Kröte (vgl. Lütolf 1862, 192f.), als goldene Eier legender Drache (vgl. Vernaleken 1859, 260), als undefiniertes Wesen mit rollenden Augen (was die Symptomatik der einer Alraunen-Vergiftung nachempfunden scheint; Rauchholz 1856, II, 43) usw. vorgestellt.
Signatur Der Schmerz von heute ist die Kraft von morgen. |