Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 569 Nachricht senden | Erstellt am 08.07.2007 - 01:18 |  |
Allein auf großer Fahrt
Da stand ich nun auf diesem winzigen Kleinstadt-Bahnhof, krallte die Finger um den Griff meines nagelneuen Koffers und wünschte mir pausenlos, dass es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, in dieses heiß ersehnte „Verwöhn-Wochenende“ zu starten.
Nun ja… natürlich wollte ich allen zeigen, was für eine selbstständige Frau ich doch bin, eine Frau, die durchaus in der Lage ist, das Ziel ihrer Wünsche auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Trotzdem möchte ich es an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es mir viel besser gefallen hätte, mich auf der Fahrt ins Glück entspannt auf dem Beifahrersitz eines Autos zu räkeln…
Leider kann man nicht alles haben und ein Stoßgebet gen Himmel richtend, zerrte ich meinen Koffer hinter mir her zum Zug, der soeben mit ohrenbetäubendem Quietschen zum Stehen kam. Verdammt, war dieses fleckige, verkniffene Gesicht, welches mir da in der Fensterscheibe entgegen sah, wirklich meins? Und diese Falte über der Nasenwurzel… war die schon immer so tief? Oh mein Gott! Das schrie tatsächlich nach einer Runderneuerung!
Hilfe, warum zum Teufel musste ein Zug um die Mittagszeit bloß so voll sein? Hatten die alle nichts zu tun? Aber ich fand schließlich noch ein Abteil, in dem ich mich dann aufatmend auf den Sitz fallen lassen konnte, von dem ich aber keine zwei Minuten später wieder hochschnellte, als nämlich eine Horde wilder Hühner ihre Zeltausrüstung mitten im Gang fallen ließen und lautstark erklärten, dass sie hier jetzt bleiben würden, solange bis der Schaffner sie in die zweite Klasse zurück treiben würde. Wie? Zweite Klasse? Ich hatte die ja auch gebucht und ich würde ganz bestimmt nicht warten, bis man mich der Luxusklasse verweisen würde, sprang hoch und zerrte nun meinerseits ohne Rücksicht auf Verluste mein Gepäck hinter mir her, um mich in einen mir zustehenden Bereich zu begeben.
Die nächsten sechs Zwischenstopps verbrachte ich unweit der Einstiegstüren und versuchte, dem Mann, der vor mir saß, nicht auf den Schoß zu fallen. Ha, ha… so wie der grinste, fand er meine Bemühungen auch noch amüsant. Wie, ich könne ja auf seinem Schoß Platz nehmen? Wie ist der denn drauf?? Ich verkniff mir, ihn darauf hinzuweisen, dass er ja seinen winzigen Aktenkoffer, der den Platz neben ihm einnahm, auf seinen Schoß nehmen könne und schickte ihm stattdessen nur einen vernichtenden Blick. Der half natürlich nicht… warum müssen gerade in Stresssituationen immer mir solch Exemplare der männlichen Gattung begegnen, denen auch die kleinste Form von Höflichkeit fremd ist?
Als ich dann auf dem Berliner Hauptbahnhof ankam, hätte ich schon wieder losplärren können. Wie sollte ich hier bloß meinen ICE finden??? Überall nur Menschen, Rolltreppen, Boutiquen und Fressstände, alles in buntes Reklamelicht getaucht und auf meinem Reiseplan stand nur Bahnsteig (tief). Als ich schließlich unten ankam und es nicht mehr tiefer ging, stellte ich fest, dass auch hier mehrere Gleise zur Auswahl standen. Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich noch 6 Minuten Zeit hatte, den richtigen Bahnsteig zu finden, ansonsten würde mein Zug ohne mich abfahren. Voller Panik stürzte ich mich auf zwei uralte Männer, die in nächster Nähe standen und so aussahen, als wüssten sie alle Antworten auf meine Fragen.
Endlich mal ein paar Männer, die sich freuten, mir helfen zu können!
„Na Mädchen… dann wollen wir doch mal gucken, ob wir Ihren Zug finden.“ Einer der Männer nahm mich beruhigend lächelnd am Arm und führte mich zu einer – zugegeben unübersehbaren – Anschlagtafel.
Sein knochiger Finger fuhr flink über die Zeilen.
„Ah ja… der ICE 1612 fährt da hinten ab.“ Er zeigte in die entsprechende Richtung.
„Der steht sogar schon da!“
Er hatte Glück, dass ich keine Zeit mehr hatte, ihm an den Hals zu springen, dankbar wie ich war. Stattdessen hetzte ich, mich lautstark bedankend, los, so schnell ich das auf meinen hochhackigen Schuhen konnte. Wie blöd muss man sein, auf einer halben Weltreise diese Teile anzuziehen??? Egal, die erste Tür war meine und auch wenn ich schlussendlich durch den halben ICE wandern musste, um zu meinem Sitzplatz zu kommen… ich war im Zug und ich hätte glatt schon wieder heulen können! Dieses Mal aus purer Erleichterung…
Dann stand ich stirnrunzelnd vor „meiner“ Reihe, in der es sich zwei Inder bequem gemacht hatten. Einen konnte ich nur mit einem Blick auf ihn und dann auf meine Platzkarte verjagen, der andere blieb sitzen und strafte meine Bemühungen, meinen Koffer hoch in die Gepäckablage zu wuchten, mit leidenschaftsloser Nichtachtung. Erst, als der Koffer mir fast entglitt und drohte, ihm auf den Kopf zu fallen, bequemte er sich, mir mit äußerst missmutigem Blick Platz zu machen. Er trat in den Gang und beobachtete weiter, wie ich mit meinem Koffer kämpfte.
Aber es gab wohl doch noch nette Männer, denn gerade als ich aufgeben wollte, wurde der Koffer mit sanftem Zwang meinen Händen entwunden. Der Hüne im Nadelstreifenanzug, der plötzlich hinter mir stand, mich sanft zur Seite drückte und mit klangvoller Stimme „Warten Sie, ich helfe ihnen…“ zu mir sagte, hatte keinerlei Mühe, den Koffer dort oben zu verstauen. Ich schenkte ihm mein allerschönstes Lächeln und konnte mich endlich für die nächsten knapp zwei Stunden in die weichen Polster kuscheln.
Mein Helfer in der Not war es dann auch, der uns Reisende von den Geräuschen befreite, die aus dem Handy meines Sitznachbarn erklangen, der irgendwelche Spiele spielte und zwischendurch auch noch seine Klingeltöne inspizierte. Mein unmutiges Knurren nahm der überhaupt nicht zur Kenntnis und erst als der Hüne, der auf der anderen Seite des Ganges saß, ihn anstieß und ihm mit eiskalter Stimme das Handy verbot, steckte er es schließlich in seine Hosentasche. Natürlich in die rechte, so dass er mir ganz wunderbar seinen Ellebogen in die Rippen stoßen konnte. Was für ein Arsch!
Aus den zwei angekündigten Stunden wurden zweieinhalb… dann drei und der Anschlusszug war lange weg, als ich schließlich auf dem Hamburger Hauptbahnhof ankam.
Da stand ich nun, die Tränen stiegen mir schon wieder in die Augen und nun reichte es mir! Nein, ich würde nicht heulen! Stattdessen stürmte ich genervt auf einen Schaffner zu, der auf dem Bahnsteig stand und von ein paar älteren Frauen umringt war, die alle gleichzeitig auf ihn einredeten. Ich drängelte mich an ihnen vorbei, schoss atemlos die schon bekannte Frage auf ihn ab und übersah die bösen Blicke der Frauen, überhörte ihre Schimpftiraden und tobte dann glücklich zu Gleis 7. Der Schaffner hatte mich mit gleich bleibend freundlicher Stimme darüber informiert, dass der Regionalzug, nach dem ich fragte, immer von Gleis 7 fahren würde.
Es erübrigt sich wohl, zu erwähnen, dass ausgerechnet an diesem Tag der Zug von Gleis 4 abfuhr…
Dagmar allein im Zug… Eigentlich hätte es mir von vornherein klar sein müssen, dass die Deutsche Bahn ausgerechnet mir solche Prüfungen auferlegen würde, es wäre sonst ja wirklich viel zu langweilig geworden!
Eins steht fest. Das nächste Mal würde ich mein Navigationsgerät ausprobieren!
[Dieser Beitrag wurde am 08.07.2007 - 20:28 von Daggi aktualisiert]
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Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 569 Nachricht senden | Erstellt am 10.07.2007 - 10:26 |  |
Hallo Stefan,
na fein, dass du über meine Erlebnisse lachen konntest! Ich konnte das auch irgendwann, aber zuerst musste ich heulen, nämlich als ich von meiner großen Reise zurückkam und endlich wieder in meinem Auto saß, welches mein Mann mir gütigerweise vor dem Bahnhof abgestellt hatte. Gott, was fühlte ich mich dort wieder heimisch!!!!
Und weil ich vier Tage lang nicht geraucht hatte, es auf den Bahnhöfen auch nicht überall möglich war und ich mich sowieso nicht mehr vom Bahnsteig bewegte, wenn ich ihn denn schließlich gefunden hatte, habe ich mir nach diesem Abenteuer gleich noch im Auto eine angesteckt... obwohl ich dort eigentlich nicht rauche. Aber vor purer Erleichterung musste das einfach mal sein...
Ja, früher! Früher haben mir die Bahnfahrten auch Spaß gemacht! Die tägliche Strecke zum Büro kannte ich ja und da konnte ich mich auch entspannt zurücklehnen und mich über die vielen Männer freuen, die mit mir fuhren. Da sah man auch täglich fast die gleichen Gesichter (hin und wieder sogar eins, das mir sehr gut gefallen hat! 
Na ja... ich hab halt gerne meinen geregelten Ablauf und bin immer ein bisschen durch den Wind, wenn sich an dem was ändert.
Stefan schrieb
Wer schön sein will muss leiden.
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Liebster Stefan... was mache ich aber jetzt, wenn ich gelitten habe und doch nicht schöner bin???? 
Liebe Grüße an dich.
Daggi
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