Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 618 Nachricht senden | Erstellt am 14.06.2009 - 14:18 |  |
Ich sehe aus dem Fenster, der graue Himmel spiegelt meine Gefühle wieder. Seit gestern regnet es. Warum kann die Sonne nicht scheinen und die Erde wärmen, unter der er begraben liegt? Er hasste doch den Regen, ging dann nur vor die Tür, wenn es unbedingt sein musste. Gestern musste es sein.
*
Es ist schon komisch, das Wasser aus dem Gartenschlauch liebte er, und es war ihm eine Wonne, in den Wasserstrahl zu beißen oder nassgespritzt zu werden. Wie oft habe ich ihn ausgeschimpft, weil er auf dem frisch gewischten Fußboden seine Tapsen hinterließ? Dann sah er mich mit seinen großen, dunklen Augen um Verzeihung heischend an, schlich langsam mit hängenden Ohren und ganz leicht wackelnder Schwanzspitze zu seinem Platz. Dort ließ er sich nieder und rollte sich ganz klein zusammen. Nur die Augen bewegten sich hin und her und verfolgten mein Tun. Ich konnte ihm nie lange böse sein, er wusste das und nahm Momente später huldvoll mein entschuldigendes Streicheln entgegen.
„Gibt es einen Hundehimmel?“, fragte mich gestern Abend unsere Tochter mit geschwollenen, verweinten Augen.
Ich sah sie an, schaute in einen Spiegel. „Ganz sicher gibt es ihn, aber er ist garantiert durch das falsche Tor gegangen. Und das mit purer Absicht.“
Sie lächelte. „Ich glaube auch, er war schließlich nur wirklich glücklich, wenn er bei uns Menschen sein konnte.“
Er verstand sich mit allen gut. Die Meerschweine bewachte er mit Argusaugen, wenn sie durch die Zimmer flitzen, und wenn wir sie suchten, wusste er immer, wo wir sie finden konnten. Auch die meisten anderen Hunde mochte er.
Aber unsere Tochter hatte Recht. Die Menschen, die liebte er. Ganz besonders uns, seine Familie. Er freute sich mit uns, litt mit uns, hörte sich die kleinen und großen Sorgen unserer Tochter und auch die meinen an, tröstete uns, wenn wir traurig waren. Seine Nähe wirkte beruhigend, er wusste, wann er auf das Bett oder auf das Sofa springen durfte. Dann drängte er sich ganz eng an uns und gab nicht eher Ruhe, bis er unsere Nasen in seinem Fell spürte und wir unsere Tränen an ihm trockneten.
Nicht alle Menschen mochten ihn. Er strapazierte die Nerven unserer Nachbarn manchmal sehr. In all den Jahren hatte er nicht wirklich begriffen, dass wir, wenn wir ihn allein ließen, immer wieder zurück zu ihm kommen würden. Er weinte, heulte, jaulte, hatte bereits Sehnsucht nach uns, wenn wir nur Anstalten machten, das Haus zu verlassen.
Er liebte lange Spaziergänge oder Ausritte. Dann trabte er glücklich vorneweg, schnüffelte hier, schnüffelte dort, verließ nie den Weg und schon gar nicht uns aus den Augen.
Anfang des Jahres wurde er krank. Sehr krank. Der Krebs machte auch vor Tieren nicht halt und man sagte uns, dass die Krankheit, einmal diagnostiziert, schnell fortschreiten würde. Alles was wir tun könnten, wäre, ihm noch ein paar schöne Tage, Wochen, vielleicht Monate zu bereiten. Mit Hilfe von Schmerztabletten, die er sehr gern mochte – sie schmeckten nach Leberwurst – gelang es uns gut. Trotz Tumor im Hinterlauf sprang er zwei Wochen nach der Diagnose wieder herum wie ein junger Hund.
Er war glücklich, hatte er doch noch mehr Narrenfreiheit, als bisher. Niemals nutzte er sie aus, blieb der wohlerzogene Hund, der er von kleinauf war. Vielleicht huschte seine Nase einmal öfter am Tischrand entlang, und auch seine Augen wurden größer, wenn er dann zwei Meter vom Tisch entfernt saß, und uns flehend einem nach dem anderen in die Augen sah.
Natürlich brauchte seitdem keine Bratwurst mehr zufällig vom Grill zu fallen, er bekam eine Extrawurst gegrillt, an der er dann zufrieden herum kaute. Ja, kaute. Er war ein Genießer, nie der große Fresser, und oftmals blieb sein Napf unberührt, wenn ihm der Inhalt nicht genehm war.
Aus diesem Grunde machten wir uns auch keine Sorgen, als er vor ein paar Tagen nur kurz an seinem Futter schnüffelte und sich dann abwandte, um sich auf seinem Platz zusammenzurollen.
Vier Tage später hatte er immer noch keinen Appetit, nahm uns nur noch ab und an ein Leckerli ab. Hinzu kam, dass er begann, zeitweilig schwer und rasselnd zu atmen. Ich alarmierte mitten in der Nacht den Tierarzt, als er Blut spuckte. Auch ohne, dass der Tierarzt es sagen musste, wusste ich, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen.
Mit seinen treuen Augen zu mir aufblickend, saß mein Hund abwartend vor meinem Bett. Ich klopfte auffordernd auf die Bettdecke. Blind vor Tränen sah ich ihm dabei zu, wie er langsam aufs Bett stieg und sich zu meinen Füßen zusammen rollte. Er atmete schwer, das Rasseln aus seiner Brust war überlaut im Zimmer zu hören. Nicht mal die Meerschweinchen, die sich des Öfteren mal anmeckerten, weil der eine gerade den Heuhalm mümmelte, auf den der andere scharf war, waren zu hören.
Sachte streichelte ich seinen Rücken, ab und an zuckten seine Ohren oder er hob die Nase, um mehr Luft zu bekommen. Irgendwann erhob er sich, drehte sich zu mir um, streckte sich lang neben mir aus und legte seinen Kopf auf meine Brust. Er schloss die Augen, als ich begann, sanft seinen Kopf zu streicheln und ihn hinter den Ohren zu kraulen. Sein Fell war dort so wunderbar weich und er liebte es, dort gekrault zu werden.
Ich weinte. Weinte um ihn … weinte um unsere Tochter, die sich bald von ihrem Spielkameraden, der sie die ganze Kindheit hindurch begleitet hatte, trennen musste … weinte um mich selbst.
Dann brach er an, der Tag des Abschieds. Wie immer freute sich unser Hund, als er den Tierarzt sah, aber sein Schwanzwedeln täuschte nicht darüber hinweg, wie schlecht er aussah und wie schlecht es ihm ging. Ich saß auf dem Küchenfußboden und hatte meine Nase in seinem Fell vergraben, während er vom Tierarzt untersucht wurde. Unsere Tochter stand wie versteinert neben uns, ebenso mein Mann.
Traurig schüttelte der Tierarzt mit dem Kopf, als er mit der Untersuchung fertig war. „Ihr habt ihm ein wunderschönes Leben ermöglicht, aber jetzt solltet ihr ihn gehen lassen. Er soll nicht leiden, und wenn ich ihm jetzt nicht helfe, ruhig einzuschlafen, so werde ich es morgen oder nächste Woche tun müssen.“
Immer weiter sprach er, immer mehr Tränen kullerten über unsere Wangen …
Ja, wir mussten ihn gehen lassen. Der Tierarzt ließ uns allein, damit wir Abschied nehmen konnten. Alle Drei saßen wir schließlich auf der Erde, unseren Hund zwischen uns. Nacheinander stupste er uns seine Nase ins Gesicht, leckte die Tränen von unseren Wangen, so wie immer, wenn er uns vermitteln wollte, dass alles gut wird.
„Es wird wohl noch ein bisschen dauern, aber wir werden uns ganz bestimmt wiedersehen. Bau’ bis dahin keine Scheiße“, waren die leisen, tränenerstickten und gespielt coolen Abschiedsworte unserer Tochter.
Ich hielt ihn in meinen Armen, als er die Narkose erhielt. Noch einmal schnüffelte er um sich, bevor ihm die Beine wegknickten und er auf meinen Schoß sank. Er schlief längst, als er die zweite Spritze bekam, die sein Herz für immer still stehen ließ.
Der Tierarzt war längst weg, als wir immer noch den leblosen Körper unseres treuen Begleiters streichelten. Irgendwann ging mein Mann hinaus und hub im strömenden Regen, in einer schönen ruhigen Ecke unseres Gartens ein Grab aus. Auch er weinte, als er den in seine Kuscheldecke eingewickelten Körper unseres Hundes hineinlegte.
Und nun? Was sollten wir nur ohne ihn tun? Keiner da, der uns freudig entgegen sprang, keiner da, der ohrenbetäubend bellte, wenn es klingelt. Keiner da, der schwanzwedelnd vor uns sitzt, weil er spazieren gehen will. Keiner da, der sich des nachts in mein Bett schmuggelt.
*
Ich sehe wieder aus dem Fenster, jetzt, nachdem ich diese Abschiedszeilen geschrieben habe. Es regnet immer noch. Der Himmel weint um ihn, wie wir …
Ich werde dich so sehr vermissen, mein Süßer …
Signatur Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...
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